Etikettenschwindel auf Spanisch (1)

Februar 16, 2006

Neueste Trends sind nicht selten spanischer Herkunft, egal ob in der Kunst und Architektur, bei Film und Musik, oder beim Essen und Trinken. Nun kommt des Spaniers künstlerische Ader auch vielen Weinetiketten zugute, was die Erwartungen an den Flascheninhalt sofort nach oben schraubt. Raffiniert und legal ist das ja, vor allem im Vergleich zu eher zweifelhaften Praktiken mit algerischen Weinen in der Edelcuvée aus Südfrankreich, leuchtend rotem Dornfelder im blassen Spätburgunder aus Deutschland oder gar Frostschutzmittel in der TBA vom Neusiedlersee.

Vor einigen Tagen habe ich mit einem Freund und Weinimporteur wieder einige Probeflaschen aus Spanien verkostet. Beim Anblick der bereitgestellten Flaschen hätte auch der aufgeschlossene Kunstfreund seine Freude gehabt. Fast alle Flaschen beeindruckten durch ausgefallene Etiketten, ob nun konisch-raketenförmig bei Villacezàn oder nobel-minimalistisch bei Gordonzello. Die Weine wurden deshalb nicht besser, Joven, Roble und Crianza wirkten allesamt überextrahiert mit bitteren, teils dumpfen Tanninen. Trotzdem werden sie gerade deshalb den Sprung in das Schaufenster des einen oder anderen Promi-Caterers schaffen, und das bei Margen in mehr als dreistelliger Höhe.

Aber auch im Prestigesegment gilt der Spruch „Kleider machen Leute“ sinngemäß: besonders praktisch stellt es der shooting-star Tomàs Cusiné aus der D.O. Costers del Segre an: so malt er für seinen ‚Vilosell‘ einfach mal den Barcode an …

Vilosell

… und bekommt flugs 90 Punkte im Penin und auch bei Parkers Wine Advocate. An der Qualität des Weins kann es nicht gelegen haben, mir war der Wein (wie übrigens auch der opulentere, sicher hochwertigere ‚Geol‘) zu vordergründig, anstrengend, holzbetont und zu sattmachend, unter Trinkspaß verstehe ich etwas anderes. Und auch der dortige Platzhirsch Raimat überlegt ernsthaft einen Relaunch seiner biederen Etiketten und blickt neidvoll auf den weltweiten Erfolg der kunstverbundenen Bodega ENATE im benachbarten Somontano. Ob’s wirklich nur an den Etiketten liegt?

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