Back to the Roots am Ätna

Februar 18, 2006

Frank Cornelissen ist Belgier, Aussteiger und lebt mit seiner japanischen Partnerin Yoko Sano am Ätna in Sizilien. An den Nordhängen in 650 – 980 Metern Höhe betreut er 5,5 ha Land, darunter etwas mehr als die Hälfte, die mit Wein (keine Monokultur) mit zum Teil wurzelechten autochthonen Reben (v.a. Nerello mascalese) bepflanzt sind. Das geschieht nach strengsten Prinzipien, die über die Biodynamik hinausgehen. Frank orientiert sich an Masanobu Fukuokas Permakultur, die ein Selbst-Management der Natur ohne menschliche Eingriffe zum Ziel hat. Gefühl für die Natur zu entwickeln und diese zu verstehen wie Tiere es tun ist ein hohes Gut und sicher nicht verkehrt an den Lavahängen des größten aktiven Vulkans in Europa. Die Weine selbst werden nach alten Traditionen in Tonamphoren vergoren und ausgebaut und danach weder geschönt noch geschwefelt.

Einer dieser Weine, der ‚Mongibello 1‘ (Jahrgangsverschnitt aus ’01 und ’02), wird derzeit heftig diskutiert in Deutschland. Da ihn die wenigsten kennen, bewegt sich der sehr dogmatisch geführte Schlagabtausch mehr im Meta-Bereich. Ich hab‘ den Wein jetzt zweimal getrunken, nicht nur verkostet, hier meine Eindrücke:

Transparentes Braunrot mit orangen Aufhellungen. In der Nase spannender Mix aus kräftiger Gemüsebrühe, Erdbeeren, Ketchup und steiniger, nasser Erde (Lava?). Definitiv singulär, am ehesten an Burgund oder Piemont erinnernd, alles passt zusammen, ich merke keine fehlerhaften Töne. Im Mund etwas wild, aber ausgesprochen vielschichtig, sehr gute Struktur, leicht bitter am Ende, sehr lang. Auch ganz leicht oxidativ aber stabil über einen Zeitraum von 3 Stunden. Irgendwie fehlt mir aber der letzte Schliff, um vom Wein gepackt zu werden, die Sinnlichkeit, die sich aus der beim Riechen andeutenden Süße und Harmonie ergibt. Vielleicht kommt das ja noch, noch dominieren Strenge und Mineralität. Sicher ein hervorragender Essensbegleiter z.B. zu Geschmorten.

Entsprechend schwer ist der ‚Mongibello‘ in ein absolutes Werteschema zu pressen, bei mir sind’s gefühlte 91 Punkte mit Potenzial nach oben. Man muss diesen (wie jeden anderen) Wein nicht mögen, keinesfalls darf man aber seine Befürworter als Ahnungslose hinstellen. Denn wie resümiert Stephan Reinhardt in seinem Essay „Die neue Sachlichkeit“ ganz richtig: „Es geht beim Wein eben nicht um das Beste, das Exzessive. Wichtig ist das Andere, das Distinktive. Und das äußert sich auf elegante, maßvolle und ausgewogene Art.“ Auch im Wortgefecht.

3 Responses to “Back to the Roots am Ätna”

  1. pivu Says:

    Da die Diskussionen über diesen Wein, pardon Flüssigkeit, wie er dort genannt wird, anderswo gerade wieder losgehen und richtiggehend die Fetzen fliegen, gibt’s nun auch hier als Nachtrag eine Art Bedienungsanleitung. Der Wein sollte kühl und keinesfalls länger bei Temperaturen über 16° gelagert werden. Unbedingt sollte er vor dem Entkorken eine längere Ruhephase hinter sich haben und 2 Tage vorher gestellt werden, damit sich das deutlich sichtbare Depot setzen kann. Frank Cornelissen weist auf dem Etikett auch extra darauf hin.

    Viele negative Wahrnehmungen von Weinfreunden zum ‚Mongibello‘ kann ich durchaus nachvollziehen. Deren Beschreibungen lassen sich nämlich meist auf Prozesse in der verschlossenen Flasche (Nachgärung, BSA) zurückführen. Das Auftreten dieser fehlerhaften Eigenschaften wäre zu verhindern gewesen, hätte man sich bloß an die Empfehlungen des Winzers und anderer gehalten. Dann hätte sich auch diesen der ‚Mongibello‘ als ausgezeichneter Wein präsentiert.


  2. […] Was soll ich also schreiben zum Thema, mitten im Urlaub, reif für die Insel?

    Ich könnt’s mir ja leicht machen, und hierhin (Sizilien) oder […]


  3. […] Eigentlich wollte ich mich beim neuen Weinrallye-Thema „Vulkanweine“ vornehm zurückhalten, sonst artet die Bloggerei noch in Stress aus. Oder bequem auf meinen Weinrallye-Universalwein verweisen, der passt immer, schmeckt aber den wenigsten. […]


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