Heikler Besuch

März 5, 2006

Freunde zu Besuch sind was Nettes. Auch wenn man erst kurzfristig, so wie gestern mittag, von der Dame des Hauses davon erfährt: „Übrigens, heute abend kommen ein paar Leute zu uns!“ So viele waren’s dann doch nicht, der plötzliche Wintereinbruch sorgte für den einen oder anderen Ausfall. Das erleichtert zumindest die Weinauswahl. Scheinbar.

War der vorneweg und zum winterlichen Salat mit Shrimps genossene 04er ‚Braunfels‘ von van Volxem noch ausgesprochen konsensfähig, gingen die Meinungen beim sorgfältig ausgewählten 02er ‚Blaufränkisch Reserve‘ von Krutzler zum Lammrücken auseinander: „Dieser Wein ist nicht gut“, hieß es da wie aus heiterem Himmel über einen meiner Lieblinge, „hast Du nicht einen feurigen Spanier? Ich trinke ihn auch kellerkalt.“ Kein Problem, ich stieg also in den Keller, um den letzten verbliebenen 98er ‚L’Espill‘ von Celler Cecilio aus dem Priorat zu holen. Meine eleganten Riberas oder gereiften Riojas wären wohl auch nix gewesen für jemanden, der in bester Parker-Manier Frucht und Alkohol im Wein sucht und klassische Bordeaux verschmäht. Nun, im ‚L’Espill‘ fand er beides zur Genüge und die Flasche war im Nu leer. Ich genoss freilich meinen immer besser werdenden Blaufränkisch aus dem Südburgenland. „Hast Du nicht noch was Gutes aus Italien?“, hieß es jetzt, klar da bin ich einigermaßen gut bestückt, nur auf Nebbiolo hatte ich am Abend vor der Piemont-Verkostung auf Schloß Eberbach keine Lust. Die Wahl fiel schließlich auf einen sizilianischen Nero d’Avola ‚Terra delle Sirene‘ von Zenner, ein Wein, der unter Weinfreunden mittlerweile Kultstatus genießt. Nicht so bei meinem Vis-à-Vis, macht nix, dafür gab’s den heute zum Restlessen. „Australier und Chilenen trinke ich auch gerne“, ertönte es nicht weiter überraschend, also holte ich noch eine Flasche 02er ‚Coyam‘ der Vinedos Orgánicos Emiliana, dem einzigen biodynamisch arbeitenden Betrieb in Südamerika übrigens. Immerhin die halbe Flasche ging weg.

Ergänzend sei noch erwähnt, dass unser Gast kein Junggeselle ist. Er war es lang genug. Und er hat trotz widrigster Straßenbedingungen den Weg aus dem tief verschneiten Taunus zu uns gefunden. Und auch wieder zurück. Was tut man nicht alles für einen netten Abend mit guten Weinen. Auch wenn sie einem nicht schmecken. Das nächste Mal werde ich extra für ihn einige ‚Vitiano‘ von Falesco vorbereiten, das ist auch günstiger. Ich aber trinke dann wieder demonstrativ Blaufränkisch vom Eisenberg, vielleicht den großartigen 02er ‚Szapary‘ von Uwe Schiefer. Wenn’s sein muss ganz alleine!

4 Responses to “Heikler Besuch”

  1. Thomas Says:

    Den „Zenner“ hätte ich gerne mitgetrunken….aber wie kannst du ihn nur Amateuren vorsetzen….grober Fehler…:-)

  2. pivu Says:

    Wesentlich pflegeleichter im Umgang zeigte sich mein Besuch zuletzt bei einem Weinhändler, zu dessen Präsentation ich ihn mitgenommen habe. Gelohnt hat es sich für beide, nur das beste wollte er nämlich, und zwar nicht nur verkosten, sondern auch gleich mitnehmen. 3 Kisten mit u.a. hochwertigem Rioja (‚Remirez de Ganuza Reserva‘ 2001) oder auch dem jetzt sehr geschätzten ‚L’Espill‘ wechselten den Besitzer, und das war erst der Anfang.

  3. drymartini Says:

    habe Dich soeben entdeckt und sofort in meine Blogroll aufgenommen.

  4. pivu Says:

    Jaja, die guten Sachen entdeckt man immer zuletzt, gell. Und beim Wein ist’s nicht viel anders, man muss erst genügend Schrott gelesen getrunken haben, um seine Weine zu finden. Sogar mein „heikler Besuch“ wird einmal fündig.


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