just in time (1)

März 21, 2006

Weine sollten der Öffentlichkeit dann gezeigt werden, wenn sie ihren ersten Höhepunkt haben und entsprechend positive Kritiken erwarten dürfen. Und zwar unabhängig von Güte und Preis.

Beim „Beaujolais Nouveau“ z.B. ist das traditionell am dritten Donnerstag im November des Erntejahres der Fall, später Gräfenberg EGist er wohl noch weniger trinkbar. Dass aber jetzt ein Deutscher Vorzeigebetrieb ähnlich agiert (oder agieren muss, Stichwort „trinkbar“?) und die meisten trockenen Weine des spätreifenden Rieslings noch im Erntejahr auf die Flasche bringt, „um den reduktiven Stil des Hauses in die Flasche zu retten“, wie Wilhelm Weil sich zu rechtfertigen versucht, ist dann doch eher überraschend. Aber es wird noch schlimmer: im Rahmen einer Promotion Tour für den neuen Jahrgang wurde auch schon der als Erstes Gewächs vorgesehene 05er ‚Kiedrich Gräfenberg‘ präsentiert, und zwar entgegen den Statuten bereits im Februar des Folgejahres, was nicht nur unter prominenten Deutschen Weinjournalisten für erheblichen Aufruhr sorgte, die das nicht mehr als reines Kavaliersdelikt abkanzeln wollen, sondern gar von Sündenfall sprechen.

Auch wenn es sicher nicht verkehrt ist, sich marketing- und qualitätsmäßig am südlichen Nachbarn zu orientieren, muss man die Qualitätspyramide des VDP nicht gleich um die Kategorie „Heuriger“ ergänzen, schon gar nicht nach oben. Der Werbeslogan „Weil Weil-Wein Charakter hat“ wird dadurch nicht glaubwürdiger. Aber die verantwortliche Marketing-Lady versteht ihr Geschäft ausgezeichnet, nicht nur für ihren Arbeitgeber, sondern wohl auch für ihren Zukünftigen, dem sie gerade zu seinem Einzel-, pardon Meisterstück verhalf. Dazu später mehr.

2 Responses to “just in time (1)”


  1. […] Ganz anders als der Vorgenannte agiert da eines der wirklichen Deutschen Winzer-Urgesteine, dessen Weine meist erst nach einigen Jahren der Reife Trinkfreude bereiten und dessen größte Weine erst 6 (!) Jahre nach der Ernte freigegeben werden. Die Rede ist vom umtriebigen Bernd Philippi, Inhaber des Weinguts Koehler-Ruprecht in der Pfalz. […]


  2. […] Dabei meine ich nicht die unzähligen Veranstaltungen im Winter und Frühling nach der Ernte, wenn geschäftstüchtige Winzer und Händler wie hier erwähnt ihren ungeduldigen Stamm- und Neukunden (und der sensationsgierigen Presse) den neuen Jahrgang möglichst früh und trinkreif präsentieren wollen. Viele Weine werden extra für diesen Zeitpunkt hingetrimmt, die Veranstaltungen selbst gleichen eher einem dörflichen Kirtag als einer seriösen Weinverkostung. Diese Art von Happening meide ich, ein guter Wein benötigt Zeit. Leider werden auch die hochwertigsten Weißweine in Österreich, die Wachauer Smaragde, viel zu früh, nämlich bereits Anfang Mai, dafür mit umso mehr Tamtam, offiziell vorgestellt. “Der wird groß!”, “Riesenpotenzial!”, oder “Der braucht noch” im schlechtesten Fall, heißt es dann, und das ist dann das erste und auch schon das letzte Mal, wenn über den aktuellen Jahrgang berichtet wird. […]


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