just in time (2)

April 2, 2006

Ganz anders als der Vorgenannte agiert da eines der wirklichen Deutschen Winzer-Urgesteine, dessen Weine meist erst nach einigen Jahren der Reife Trinkfreude bereiten und dessen größte Weine erst 6 (!) Jahre nach der Ernte freigegeben werden. Die Rede ist vom umtriebigen Bernd Philippi, Inhaber des Weinguts Koehler-Ruprecht in der Pfalz.

So lag selbst ein „einfacher“ Riesling Kabinett aus der Spitzenlage ‚Kallstadter Saumagen‘ aus dem Jahr 2001 statt nur weniger Wochen oder Monate immerhin 1 1/2 Jahre im großen Holzfass, trotzdem ist der Wein immer noch billiger als der einfache Gutsriesling mit dem himmelblauen Etikett aus dem Rheingau, der aus gleichem Jahrgang bestenfalls noch als Essig zu gebrauchen ist. Philippis Wein hingegen überzeugt nach 5 Jahren mit floralen Noten gepaart mit Honig und Frische in der Nase und einer gesunden Kernigkeit im Mund. Irgendwie altbacken, aber individuell und charakterstark. Die parallel verkosteten 04er Kabinetts, Spät- und Auslesen wirkten auch allesamt noch unfertig mit einer zwar kreidigen Mineralität aber noch ohne jeglichen Fruchtcharme. „Junge Weine machen mich nervös“ bestätigt Bernd Philippi sein Credo, und das sagt ausgerechnet einer der bekanntesten „flying winemaker“ aus Deutschland. (Bernd Philippi begleitet Projekte in Südafrika, Südfrankreich und neuerdings Mallorca und ist selbst Miteigentümer eines Weinguts in Portugal.) Moderne Technik oder Edelstahl sucht man im Keller vergeblich, die Weine entstehen dort wie vor 50 Jahren auf natürlichste Weise ohne Rücksichtnahme auf Zeitgeist oder gerade angesagte Geschmacksmuster.

Ganze 2.500 Flaschen wird es vom Flaggschiff des Hauses, der ‚Kallstadter Saumagen Riesling Auslese trocken „R“ ‚ aus 2001 geben, die erst nächstes Jahr in den Verkauf gerät. Heute noch immer ein unruhiger Kraftprotz, besitzt er jedoch alle Anlagen eines großen Weines. Das Potenzial des ‚R‘ zeigt am besten der 11 Jahre ältere Bruder aus 1990 aus damals nur 6-Jahre alten Rebstöcken auf, der sich als harmonisches Gesamtkunstwerk voller Blütenhonig, harziger Noten, stahliger Mineralität, innerer Dichte und immenser Länge präsentiert, und der mit Luftzufuhr und Essensbegleitung weiter gewinnen wird. Dass die Klasse und das Potenzial dieser Riesling-Unikate nicht immer geschätzt und erkannt wird, zeigt das Beispiel des erst- und letztmals auf der Mariannenaue als Fassprobe präsentierten 96er ‚R‘, das prompt zu einer Rückstufung durch die allmächtigen Herren Diel und Payne führte.

Aber auch der als Tafelwein vermarktete Pinot Noir verdient Beachtung. So verwechselte in einer Vergleichsprobe mit großen Burgundern selbst Kultwinzer Jean Nicolas Méo (Domaine Méo-Camuzet) den 92er mit einem seiner eigenen Premiers oder Grand Crus von der Côte d’Or. Groß ist der 99er ‚RR‘, wobei „RR“ gleichermaßen für „Reserve“, „rar“ und „Rolls Royce“ steht. Doppelt „rar“ ist er jedenfalls, insgesamt gab es nur 900 Flaschen davon, und die auch nur, weil Bernd Philippi widerstand, sie zur Gänze gewinnbringendst an einen Frankfurter Geschäftsmann und Weinfreund zu verkaufen. Spannend ist auch der Vergleich der beiden ‚R‘ der Jahrgänge 2001 und 2002, hier der feminine, weiche und cremige 02er, da der markante, kräftige und herbe 01er. Sehr gut sind beide. Am burgundischesten ist freilich der unterschätzte, jetzt trinkreife 98er mit seiner verspielten, fast schon maroden Art.

Besonders erfreulich ist auch, dass Bernd Philippi in den letzten Jahren gegen den allgemeinen Trend ein verstärktes Interesse für seine zeitlosen Weine feststellen konnte. Alles andere als selbstverständlich in Zeiten des weltweiten Parker-Punkte-Hypes und der nationalen Aldi-Lidl-Hochblüte.

One Response to “just in time (2)”


  1. […] Über die von Thomas Günther genannten Ausnahmeweine des Pfälzers Bernd Philippi wurde auch auf diesem Blog schon ausführlich berichtet. […]


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