Punktewahnsinn (3)

April 12, 2006

Nicht immer sind hohe Punkte gleichbedeutend mit hoher Qualität. Wen interessiert in der allmählich zum multinationalen Medien- und Wirtschaftsspektakel verkommenden Bordeaux-Weinwelt überhaupt noch die vorhin schüchtern angesprochene Seriosität?

Nebst der Erzielung immer neuer Rekordpreise dienen Punkte vor allem dazu, um innerhalb der Weinszene kräftig Politik zu machen. So scheint der unumstrittene Star in der Kritiker-Szene, der Amerikaner Robert M. Parker Jr., der mit seinen populären ratings in den letzten 20 Jahren einen gänzlich neuen Weinstil im traditionellen Bordelais hochleben ließ, ausgerechnet von der Insel kräftig Gegenwind zu bekommen. Wer erinnert sich nicht an die mediale Schlammschlacht vor 2 Jahren zum 03er ‚Chateau Pavie‘? Parker sprach von einem „off-the-chart effort“, verpasste dem ‚Pavie‘ 95 – 100 Punkte und sah ihn „along with Ausone and Petrus as one of the three greatest offerings of the right bank“, seine Widersacherin Jancis Robinson nannte den gleichen Wein schlicht „ridiculous“ und verglich ihn mit Portwein („Port is best from the Douro not St. Emilion“), um ihn mit lächerlichen 12/20 Punkten abzufertigen. Noch schonungsloser drückte sich Clive Coates aus: „Anyone who thinks this is good wine needs a brain and palate transplant. This wine will be scored simply as undrinkable.“ Was für die einen einer der besten Weine des rechten Ufers ist, wird von anderen als total überkonzentriert abgelehnt.

Die damals angezettelte Grundsatz-Debatte findet heuer anlässlich der Vorstellung des nächsten Jahrtausendjahrgangs ihre Fortsetzung. Kräftig unterstützt werden Robinson und Coates dabei von ihren prominenten Landsleuten Michael Broadbent und Sprachrohr Hugh Johnson, der Mr. Parker respektlos als „dictator of taste“ bezeichnet. Und der bis dato so hochgejubelte Jahrgang wird in der konservativen Times gar mit „Bordeaux 2005 sucks“ abgestraft! Der sehr kritische, immerhin auf Seite 3 publizierte Artikel spricht von einer verpassten Chance, als die Winzer die Gunst der Stunde nicht nutzen konnten. „They had a textbook vintage, created by sunny days, cool nights and a long, disease-free growing season that culminated in a warm, dry harvest. But some producers could not resist the temptation to meddle with their wines and, in doing so, they have caused another setback for Bordeaux and the French wine industry.“ Auch Christian Moueix, Inhaber von ‚Chateau Pétrus‘, wird mit deutlichen Worten zitiert: „It is a great, great vintage year . . . if winemakers had done things in a reasonable way, you could make wonderful wines.“ Nur 100 Punkte aus Maryland gibt’s dann eben nicht mehr. Und dass der 05er ‚Pavie‘ erneut auf der britischen black-list steht, ist auch nicht weiter überraschend.
tbc

2 Responses to “Punktewahnsinn (3)”


  1. […] Hugh Johnson, der einmal sagte: „Punkte vergibt nur, wer nicht in der Lage ist zu formulieren“ – sein Verhältnis zu Punktepapst Robert Parker ist spätestens seit der Diskussion um den 03er ‘Ch. Pavie’ bekannt -, und schließt daraus: “Der Verbraucher will Geschichten […]


  2. […] oder zumindest früher bei Heymann-Löwenstein. (Wer erinnert sich nicht mehr an den Disput Parker vs Robinson um den 03er ‘Pavie’?) Der eine liebt Authentizität und Terroir, der andere […]


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