Punktewahnsinn (5)

Mai 8, 2006

Robert Parker vergibt erstmals 100+ Punkte an einen Wein und sprengt damit sein eigenes, weltweit adaptiertes Bewertungssystem. „Skandal“ heult die blutlechzende Meute von Weinkritikern und solchen, die sich dafür halten! Nach dem Genuss der 3. Magnum im Alkoholbereich zwischen 15 und 16% Alc kann selbst dem großen Meister dieser Fauxpas schon passieren. Aber ist es wirklich „skandalös“, in einem System, das sich am amerikanischen Schulnotensystem orientiert, mit Begriffen wie „mit Auszeichnung“ oder „summa cum laude“ zu operieren? Vor allem, wenn die story nicht im seriösen „Wine Advocate“ sondern in einer Publikation mit dem vielversprechenden Namen „Hedonist’s Gazette“ erscheint?

Nur zur Vollständigkeit sei das corpus delicti erwähnt: es handelt sich um einen 2003er Châteauneuf du Pape, die ‚Cuvée da Capo‘ der kultigen Domaine de Pégaü (aus der Magnum). Wie der Wein en detail geschmeckt hat und beschrieben wird, interessiert leider die wenigsten.
tbc

2 Responses to “Punktewahnsinn (5)”

  1. Bargatzky Says:

    Die Reaktion der Weinwelt zeigt schon ziemlich deutlich, dass gerade ein Herr Parker vorsichtig mit seinen Bewertungen sein muss. Und wenn er sie nur an die Klowand kritzelt. Es wird gelesen, zur Kenntnis genommen und auseinandergepflückt. Und mit seinen 100+ führt er sein eigenes Bewertungssystem ad absurdum. Man kann ja in der Schule auch nur eine bekommen. Zumindest habe ich von einer 7 noch nichts gehört.
    Das ist eben das Schicksal eines berühmten Menschen: You never walk alone…

  2. pivu Says:

    Mr. Parker nimmt ausdrücklich Stellung zu seinen 100+ Punkten und relativiert diese wie folgt: „The abbreviated, spontaneous, and visceral tasting notes and numerical ratings in this section should not be confused with professional, structured tasting notes from specific peer group tastings or cellar tastings. The Hedonist’s Gazette notes emerge from casual get-togethers, with the food and company every bit as important as the wines. I do not consider these tasting comments as accurate or as pure in a professional sense, but they are part of a wine’s overall record. In short, focus, so critical in a professional tasting without food or other distractions, is clearly on a different level in such fun gatherings.“ Besser wär’s natürlich gewesen, zumindest anlässlich dieses Events überhaupt keine Punkte zu vergeben.

    Und der Vergleich mit der „Schule“ stimmt auch nur bedingt, solange es nämlich eine exakt definierte Maximalleistung wie z.B. im Leistungssport gibt. Das ist bei Fragebögen, Diktaten etc. der Fall, schwieriger wird’s bei freien Aufsätzen, Dissertationen etc., die mindestens eine weitere Dimension zur Qualitätsbeurteilung besitzen. Und dass Wein, vor allem großer Wein, nicht in ein wie auch immer geartetes Bewertungsschema zu pressen ist, sondern vielmehr einen Vergleich mit großer Kunst darstellt und entsprechend wahrgenommen werden soll, steht zumindest für mich außer Frage.


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