Spitze aus dem Spitzer Graben

Juli 22, 2006

In der Wachau wachsen die besten Weißweine der Welt. Davon ist man zumindest in Österreich felsenfest überzeugt. Seit Jahren und Jahrzehnten – sind’s gar schon Jahrhunderte? – werden Spitzer Graben, Ried Bruck mit Blick auf Viessling die in der Heimat längst zu Volkshelden aufgestiegenen Granden, die die Verantwortung freilich schon an die nächste Generation übergeben haben, in steter Regelmäßigkeit mit kritiklosem Lob überhäuft. Dabei wird vieles nicht besser, sondern schlechter, langweiliger, alkoholischer, teurer und austauschbarer. So gibt ein prominentes Vorstandsmitglied der Vinea Wachau, dessen Weine sich einst durch große Harmonie und moderaten Alkoholgehalt auszeichneten, auch unverblümt zu, dass den Markterfordernissen und Verlangen nach immer mehr Alkohol Rechnung getragen werden muss. Ob das dann alles noch mit Terroir zu tun hat?

Aber auch in der erzkonservativen Wachauer Winzerszene gibt es spannde Entdeckungen, hungrige Aufsteiger mit dem Trieb und Durchhaltevermögen, es den Arrivierten zeigen zu wollen. Einer dieser Außenseiter ist Josef Gritsch, auch bekannt als „Graben-Gritsch“ , aus Vießling bei Spitz im äußersten und kühlen Westen der Wachau und nicht zu verwechseln mit den Spitzer Namensvettern Rupert alias „Himalaya-Gritsch“ (leider viel zu selten ausgesteckter Heuriger mit phantastischemSetzberg Ausblick), Franz-Josef vom Mauritiushof mit seinem genialen Kalmuck-Marketingcoup oder Karl Gritsch. War ich schon die letzten Jahre mehr als begeistert von der Qualität einzelner Weine (Riesling Smaragd ‚Setzberg‘ 2003, Grüner Veltliner Federspiel ‚von der Schön‘ 2004, oder dem wahrscheinlich besten jemals in Österreich gekelterten trockenen Muskateller Gelber Muskateller Smaragd ‚Setzberg‘ 2004), sind es zwei Weine der diesjährigen Serie, die es mir besonders angetan haben. Bezeichnenderweise diejenigen, die mit eigenen Hefen sehr langsam vergoren und ausgebaut wurden.

Riesling Smaragd ‚vom Setzberg‘ 2005
Goldgelb, schon in der Farbe hochreifes Lesegut versprechend; ölig, opulentes Bukett nach reifen Marillen, dazu Mango- und Honignoten, Spur Botrytis. Im Mund sehr ausladend, saftig, fleischig, aber dennoch hochmineralisch und vielschichtig, perfekt ausbalanciert, spannend bis zum letzten Schluck, lang anhaltend, großes Suchtpotenzial. 93.

Da gibt’s keine faulen Ausreden wie „der braucht noch“ oder „Wahnsinnspotenzial, muss reifen“, das Zeugs schmeckt hier und jetzt genauso wie noch in 10 Jahren, und zwar saugut.

Ein großer, authentischer Wachauer Riesling, der aufgrund seiner 7g Restzucker und dem durchlaufenen BSA in Österreichs auf Antisüße und Primärfrucht ausgerichteter Jubelpresse polarisieren wird. Stilistisch eher mit den neuen Qualitäten aus Deutschland als mit anderen Wachauer Smaragden vergleichbar sehe ich ihn irgendwo zwischen Reinhard Löwenstein und Josi Leitz. Der Winzer selbst meint zum Wein: „Er ist halt so passiert.“ Gut so!

Grüner Veltliner Federspiel ‚von der Schön‘ 2005
Mittleres Ried SchönGelb; sortentypische Nase mit mehr Würze als Frucht (reife Zwetschgen, dazu Mandarinen und ein Touch Limette), brotig, sehr dicht; im Mund wiederum der schon betriebstypische Schmelz, dabei erstaunlich leichtfüßig, guter Biss, reife Orangen, ordentliche Länge. Seriöser, präziser und kraftvoller als der „geile“ und fast schon dekadente Jahrgangsvorgänger. 87.

Dieser Wein karikiert und degradiert die meisten anderen Federspiele, ganz zu schweigen von den als Heilsbringer gefeierten DAC-Veltlinern alias Pinot Grigio made im Weinviertel.

Und wer noch immer meint, die Wachau wäre teuer, hier die (Ab-Hof-)Preise für derart singuläre Qualitäten: 6,- € für das Federspiel bzw. 14,- € für den Smaragd.

Bildquellen: Vießling-Page (Blick auf Vießling); Mauritiushof (Setzberg); Weingut Högl (Ried ‚Schön‘)

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