just in time (3)

September 21, 2006

Von einer Präsentation des neuen Jahrgangs erwartet man normalerweise die Vorstellung der aktuellen Weine mit der gleichzeitigen Möglichkeit, diese gezielt zu verkosten und bei Gefallen zu bestellen. Schön wär’s, die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

Dabei meine ich nicht die unzähligen Veranstaltungen im Winter und Frühling nach der Ernte, wenn geschäftstüchtige Winzer und Händler wie hier erwähnt ihren ungeduldigen Stamm- und Neukunden (und der sensationsgierigen Presse) den neuen Jahrgang möglichst früh und trinkreif präsentieren wollen. Viele Weine werden extra für diesen Zeitpunkt hingetrimmt, die Veranstaltungen selbst gleichen eher einem familiären Get-together mit Kirtags-Atmosphäre als einer seriösen Weinverkostung. Diese Art von Happening meide ich, ein guter Wein benötigt Zeit. Leider werden auch die hochwertigsten Weißweine in Österreich, die Wachauer Smaragde, viel zu früh, nämlich bereits Anfang Mai, dafür mit umso mehr Tamtam, offiziell vorgestellt. „Der wird groß!“, „Riesenpotenzial!“, oder „Der braucht noch“ im schlechtesten Fall, heißt es dann, und das ist dann das erste und auch schon das letzte Mal, wenn über den aktuellen Jahrgang berichtet wird.

Warum verschiebt man die Smaragd-Premiere nicht gleich um einige Monate? Wie es qualitätsorientierte Winzer in Deutschland bereits tun, die ihre Kunden auf den Spätsommer vertrösten. Aber selbst dieser Termin kommt für viele zu früh. So gärten dieses Jahr viele Weine unerwartet lange, dass sie sogar jetzt entweder noch gar nicht oder in einem denkbar schlechten Zustand wenige Tage nach dem Abfüllen gezeigt werden konnten. Dazu kommt der manchmal akademische Charakter all dieser Events, weil viele, vor allem die besten Weine, längst ausreserviert und zumindest ab Hof nicht mehr käuflich erwerbbar sind.

Wozu dann der ganze Aufwand? Warum zeigt man z.B. nicht den fertigen Vorgängerjahrgang, der zwar genauso vergriffen ist, aber wenigstens keine Kinderkrankheiten mehr aufweist, sondern bereits seine ganze Klasse ausspielen kann? Und verkauft den neuen Jahrgang per Subskription?

Selbst Veranstaltungen für das Fachpublikum im 1. Jahresdrittel wie die ProWein oder die Mainzer Weinbörse leiden unter diesen Symptomen. Und trotzdem werde ich zur sonntäglichen Premiere ERSTE LAGE des VDP gehen, nicht aber, um die interessantesten Weine zu bestellen – die meisten sind ohnehin schon ausverkauft – oder (auf Verdacht) zu bewerten, sondern um mit vielen der besten Winzer Deutschlands sprechen und Hintergründe und Spezifika des Jahrgangs erfahren zu können. Vor allem darin liegt für mich der Sinn jedes Winzerbesuchs und einer Präsentation der aktuellen Weine. Jederzeit.

One Response to “just in time (3)”

  1. pivu Says:

    Als ob ich’s geahnt hatte: bei der gestrigen Premiere der ERSTE LAGE waren die wahrscheinlich vielversprechendsten Weine (z.B. Wittmann, Rebholz) nur schwer zugänglich und alles andere als in Topform oder erst gar nicht präsent (u.a. Kühn, Heymann-Löwenstein, Keller). Viele Weine waren zwar „just in time“, aber dafür beinahe banal ohne großartige Lagenidentität, zuwenig für die landesweite Spitze. Andere wiederum befanden sich bereits auf dem absteigenden Ast.

    So wundert es auch nicht, dass der für mich beste Wein der Veranstaltung ein Rotwein (!), nämlich Fürsts 04er Spätburgunder ‚Hunsrück‘ war. Sicher alles andere als billig, aber letztlich sollte es der Anspruch des VDP sein, mit seinen Spitzen in genau diese Regionen vorzustoßen.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

  • @pivu on twitter

  • %d Bloggern gefällt das: