Sturmfreie Bude

September 30, 2006

Alle Jahre wieder, es wird Herbst, ja heuer haben wir sogar einen richtigen Altweibersommer, die Lesezeit beginnt, und das Sturmverdurstende Volk verlangt nach … Sturm! Gemeint ist nicht der demnächst insolvente Fußballklub aus Graz, das Lüftchen im ÖFB-Team, „The Tempest“ von Shakespeare oder gar die Heimsuchung New Orleans’ durch Katrina, sondern ein trübes, unappetitlich aussehendes, ordinär und süß schmeckendes, Kopfweh verursachendes und die Verdauung beschleunigendes Gesöff. Für alle der Feinheiten österreichischer Sprache nicht Mächtigen: Sturm ist nichts anderes als Federweißer. Diese Bezeichnung ließ man in Deutschland sogar schützen, wo käme man auch hin, wenn der hochwertige Deutsche Federweiße von südeuropäischem Billigmost verdrängt wird. Den wahren Deutschen Federweißen mit der Bezeichnung „Kabinett halbtrocken“ oder „Spätlese lieblich“ hab’ ich allerdings noch nicht gesehen.

Ein Hype, den ich nie verstehen werde. Das Traubenmaterial ist meist inferiorer als das für den weitergärenden Wein gedachte, trotzdem kostet das im Trend liegende trübe Endprodukt ein Vielfaches. Als Wein kaum verkehrsfähig wird diese Flüssigkeit von der Lebensmittelbehörde wohlwollend akzeptiert. Oder steckt gar die EU dahinter, um sich elegant und unauffällig des Rebsaft-Überschusses zu entledigen? Mein gewiss dem Wein nicht abgeneigtes Heim wird jedenfalls konsequent zur Sturm-freien Bude erklärt.

Wobei das eine oder andere Glas Sturm im Herbst z.B. an der Südsteirischen Weinstraße schon seinen Reiz hat. Viel schlechter als der schon in den Startlöchern wartende Junker, Primeur oder Novello ist er nämlich auch nicht. Und auch der Staubige, freilich vom Qualitätswinzer, zum Martinigansl ist nicht zu verachten.

6 Responses to “Sturmfreie Bude”

  1. duni Says:

    Sturm, Federweisser, Sauser sind schlicht und einfach extrem unbekömmliche Getränke: Sie enthalten einen ungemein hohen Anteil an Äpfelsäure, also genau jenen die Verdauungsorgane unangenehm reizenden Stoff, den gewissenhafte Winzer mittels BSA in die dem menschlichen Körper viel verträglichere Michsäure umwandeln. Der hohe Restzucker macht dann noch den Kopf dick.

  2. Bernhard Says:

    Sorry, Duni,

    aber Sturm enthält ähnlich viel Äpfelsäure wie geschätzte 80% der Weißweine. Säureabbau beim Weißwein ist weltweit die Ausnahme, nicht die Regel. In Relation zur Weinsäure enthält Sturm sogar weniger Äpfelsäure, da während der Gärung Weinsäure ausfällt.

    Es ist auch nicht die Äpfelsäure, die die Verdauungsorgane zum rumoren bringt (sonst wären auch die meisten Rieslinge,… untrinkbar), genauswenig wie der Restzucker das Kopfweh macht (sonst wären restsüße Weine und Hochprädikate ähnlich problematisch).

    Die Verdauung wird wohl eher durch die enorm hohe Mikroorganismentätigkeit (sprich: Hefe) angeregt und das Kopfweh stammt wohl von der, wie pivu richtig schreibt, meist eher bescheidenen Traubenqualität.

    Auch diversen Versuche der Produzenten und der Gastronomie, zu weit vergorenen Sturm mittels Nachzuckern wieder süß schmecken zu lassen tragen nicht gerade zur Bekömmlichkeit bei. Solche Getränke riechen wie Sturm, sind süße wie Sturm, haben aber fast den Alkoholgehalt eines Weines. Mit allen Folgen…

    Grüße vom ebenso sturmverweigernden

    Bernhard

  3. duni Says:

    Bernhard, das ist für mich sehr interessant zu lesen:
    Die allzu aktiven Hefen lassen den Bauch rumoren, das müsste aber bedeuten, dass diese den sauren Magen-PH unbeschwert passieren…So richtig Kopfweh kriegt bei Euch in Österreich jetzt wohl der Bienenzüchter Verband Österreich(BZÖ), aber das dürfte wohl niemand bedauern!

  4. zin Says:

    Auf mehr als zwei Schoppen im Jahr komme ich auch nicht. Alleine wenn ich daran denke, daß in Deutschland vielfach die Sorte Ortega (von Franz Keller senior schon mal als „Opekta“ bezeichnet) verwendet wird, hat sich die Sache meist schon erledigt.

    Am Freitag habe ich im Südwestfernsehen mitbekommen, daß ein Zuschauer an den Experten im Studio ernsthaft die Frage stellte, wie er denn große Mengen (1 Flasche täglich) bis Weihnachten auf dem heutigen Geschmacksstand halten könne.

  5. duni Says:

    Am besten wohl einfrieren…Oder fraktionieren und dann wieder zusammenmixen…. Oder Süßmost mit Sauerkrautsaft & Industriealk tunen…

  6. pivu Says:

    Aber aber ma chère, welch böse Überlegungen, wo doch die Deutsche Weinwirtschaft g’rad dabei ist, analog zum Bier das Reinheitsgebot für den Federweißen durchzusetzen.

    Ich wär‘ ja für (sterilisierten) Sturm als Lifestyle-Getränk in der praktischen Dose, also „Yellow Storm“ für den Mann und „Feather White“ als kalorienarme Version für die Dame und figurbewusste Jeunesse Dorée. Garantiert genauso schädlich wie „Red Bull“. Und ein weiterer Beitrag zum Abbau des Weinüberschusses.


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