Der alljährliche Jahrhundertjahrgang

Oktober 5, 2006

Inspiriert von meinem Traubinger Alter Ego gibt’s nun auch hier einige Ausschweifungen zum sogenannten Jahrhundertjahrgang. Ein Jahrgang also, der ob seiner überragenden Qualität so einzigartig ist, dass er zumindest sinnbildlich nur einmal in hundert Jahren vorkommt. Theoretisch zumindest, Betroffene wie Winzer, Journalisten, Gastronomen und redselige Politiker sehen es freilich anders und küren in schöner Regelmäßigkeit Jahr für Jahr den sich anbahnenden Jahrgang zum Jahrhundertjahrgang, noch bevor die erste Traube gelesen ist. Noch besser, noch feiner und last not least noch teurer soll er werden, der neue Wein. Wen interessiert da schon der feuchte August oder das bissl Regen gerade jetzt während der Lese?

Aber wird’s überhaupt ein guter oder gar sehr guter Jahrgang? Auch wenn offiziell große Erwartungen an den 2006er gestellt werden, sieht es in der Praxis anders aus: das Gros der Winzer jammert über zunehmenden Fäulnisdruck, besonders diejenigen, die im feuchten August keine rigorose Weinbergsarbeit betrieben haben. Und auch die derzeitigen Wetterturbulenzen verlangen höchste Aufmerksamkeit und Flexibilität. Aber die wenigen, die ihre Hausaufgaben während des Jahres im Weingarten erledigt haben und es weiterhin tun und selektivst fern jeder wirtschaftlichen Vernunft lesen, ernten jetzt oder in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren den verdienten Lohn. Und zwar jedes Jahr, gute und sehr gute Weine gibt’s nämlich immer, in sogenannten guten und in schlechten Jahren, nur eben mal mehr oder weniger. Alljährliche Jahrhundertweine sozusagen. Die sind freilich in der Minderzahl und kein Maßstab für die Qualität, sondern für die Typizität des Jahrgangs. Wie wird sich beispielsweise die Hitzewelle im Juli oder der großzügige Altweibersommer im September auswirken? Beides kann sich sowohl positiv als auch negativ bemerkbar machen. Das ist das eigentlich spannende, wo werden wir die besten 06er einordnen können im Vergleich zu ihren Vorgängern?

Wofür also steht der Begriff Jahrhundertjahrgang? Für einen faulen Marketinggag? Wohl eher als für dessen Güte und Einmaligkeit. Oder ist’s einfach ein Jahrgang wie z.B. 2000 im Burgenland, als beinahe jeder Winzer ohne großes Investment überdurchschnittliche Qualitäten auf die Flasche bringen konnte? Die solches eben nicht alljährlich, sondern nur alle 100 Jahre schaffen!

3 Responses to “Der alljährliche Jahrhundertjahrgang”

  1. duni Says:

    Lieber pivu, für die von Dir angesprochenen Weine alla 2000 Burgenland muß halt dann die Kategorie „Milleniumswein“ herhalten-damit der Rest Jahrhundertjahrgang bleiben kann!

  2. pivu Says:

    Warum so kompliziert, duni, jedes Jahr ein Jahrhundertjahrgang, einfacher geht’s doch nicht, das versteht jeder und jeder macht mit. Und meine Landsleute setzen noch eins drauf und toppen diesen mit zeitgeistigen Vokabeln: hier spricht man von einem „Superjahr“ bzw. „einem phänomenal gutem Jahr“, „ein ganz großer Jahrgang zeichnet sich ab“, der „fast schon kitschig“ ist. Da kommt selbst unser „Millenniumswein“ nicht mit.

    Wer’s glaubt.


  3. […] Genauso lautete der Titel eines Ohrwurms der Schweiz-Österreicherin Maria Bill vor mehr als 20 Jahren. Nach den Lobeshymnen über den aktuellen Weinjahrgang in ganz Österreich kann genau das jetzt eintreten. […]


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