Open Taste

November 27, 2006

Dieser Wein muss ja gut sein, der allwissende Kritiker XY sieht ihn immerhin bei 95 Punkten oder als Klassenprimus, und der muss es schließlich wissen. Blind kaufen ist also angesagt, und zwar soviel wie möglich, egal was es kostet und ob oder wie es schmeckt. Umgekehrt verkommen viele gute Weine zu Ladenhütern, nur weil sie nicht oder nicht mehr, wie z.B. der manchmal sogar bessere Nachfolgejahrgang, hochgelobt werden.

Auch dieses Jahr erscheinen rechtzeitig vor Weihnachten die neuesten Weinführer, ohne viel Neues, nicht selten wird voneinander oder aus früheren Ausgaben abgeschrieben, manchmal werden persönliche Einschätzungen sorgfältigst bis zuletzt gehütet. Die bekannten Namen sind nach wie vor das Maß aller Dinge, von unseren Aushängeschildern darf’s auch nichts Schlechtes geben. Gerade deshalb meine ich, zunehmend eine „Emanzipation“ des Konsumenten beobachten zu können: dieser wird zunehmend skeptisch, hinterfragt das eine oder andere Rating, und bildet sukzessive seine eigene Meinung und, viel wichtiger, seinen eigenen Geschmack. Genau diese unvoreingenommene Heransgehensweise versuche ich auch an den weniger weinaffinen Freundes- und Kollegenkreis zu vermitteln.

Vielleicht entwickelt sich auch deshalb eine Art Subkultur Open Source von Weinamateuren, die den Wein vor allem trinken, und nicht wissenschaftlich – wenn’s so wäre – auseinandernehmen, und ihre Erfahrungen auf diversen Plattformen austauschen. Ein bissl erinnert mich diese Entwicklung an den Siegeszug von Open Source in der Software-Industrie, um erfolgreich gegen das Diktat von Parker Microsoft & Co anzukämpfen. Open Taste statt Alibi-Blabla.

Bildquelle: www.opensource.org

3 Responses to “Open Taste”


  1. Du hast vollkommen recht mit den Weinführern und Bestenlisten. Ich habe mit denen auch immer meine Probleme. Vor allem bei Rankings sehe ich das absolut nicht ein, dass da Pläze vergeben werden. Weine können eben auch unterschiedlich und gut sein – nicht nur besser und schlechter. Zumal dann ja auch noch die Verwendung, der Maßstab und das persönliche Empfinden des Verkosters dazukommt. Ganz grausam sind dann Ergebnisse von Verkostungen mit 20 Weinen in 2 Stunden. Hier können Hobby-Weinseiten eine sehr guter Gegensatz und Raum für Emanzipation sein. Gleichzeitig gibt es aber auch eine bestimmte Konsumentenschicht, die eine Übersicht auf dem Markt braucht (also Weinführer). Hier können Blogs und Foren leider nur eine Ergänzung sein.

    Zu den Open-source-Sachen: Da bin ich wirklich angetan. Wenn man sich anschaut wie gut und stabil Linux (ubuntu), Firefox oder auch WordPress laufen, kann man echt in Begeisterung ausbrechen. Und das ganze ist dann auch noch ohne kommerzielles Interesse.

  2. pivu Says:

    Ein Dilemma der klassischen Weinführer kann man aktuell hier nachlesen: führende Winzer aus dem Südburgenland (Reinhold Krutzler, Uwe Schiefer), dazu Roland Velich mit seinen MORIC-Weinen (bei Parker aktuell mit bis zu 94 Punkten gerated!) aus dem Mittelburgenland schicken keine Weine mehr für Falstaff, À la Carte, etc. Warum? Erstens gibt es in Österreich zu viele Führer, die untereinander konkurrieren (und nicht oder nicht mehr den heimischen Führer, auf den es ankommt), zweitens ist die Aufnahme der Weine grundsätzlich kostenpflichtig (neben der kostenlosen Zurverfügungstellung von Probeflaschen), drittens, und das scheint mir am bedeutendsten, lässt die Qualität der Führer zunehmend zu wünschen übrig. Zu oft sind Wertungen wie Beschreibungen beliebig, zu selten werden noch eher unbekannte Betriebe besonders gewürdigt. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt sind, der Schaffung einer offenen Plattform für Weinbeschreibungen. An der sich niemand bereichert, zumindest nicht monetär. Im Ansatz vielleicht vergleichbar mit Wikipedia.

  3. pivu Says:

    Haha, hier karikiert der burgenländische Winzer (und Blogger) Bernhard Fiedler nachgerade die österreichische Weinkritik. Punktewahnsinn eben!


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

  • @pivu on twitter

  • %d Bloggern gefällt das: