Wiener Melange

Januar 11, 2007

Der typische Wiener ist in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Donaumonarchie verwurzelt Wienund hat nicht selten eine böhmische Großmutter. (Mir reicht die Schwiegermama von ebendort.) Solch historische Traditionen finden sich auch im Wiener Wein wieder, der sogenannte G’mischte Satz gilt als lokale Spezialität. Ein Wein aus teilweise unbekannten Sorten, die neben- und durcheinander in meist sehr alten Weingärten stehen und je nach Jahrgang unterschiedlich ausreifen, aber immer gemeinsam gelesen und ausgebaut werden. Also kein Mixed-Doppel im Tennis oder jener Part eines klassischen Musikœuvres, in welchem die ohnehin alles andere als quotenfreundlichen Wiener Philharmoniker auch weibliche Orchestermitglieder mitspielen lassen. Ein einstmals sehr einfacher Wein, der bestenfalls das Zeug zum Heurigenausschank hatte, wurde in letzter Zeit salonfähig und verleiht dem hauptsädtischen Wein somit neue Identität. Einige Vertreter habe ich unlängst gemeinsam geöffnet:

Den Einstieg machte der 05er ‚Sommeregg‘ der ambitionierten Südburgenländerin Jutta Ambrositsch, eine der vielen Aus- und Umsteiger, die die Wiener Weinszene zuletzt belebten. Der Weingarten, nachweislich vor mehr als 50 Jahren gepflanzt, befindet sich direkt unterhalb des Krapfenwaldls und sorgt in diesem mit seiner unkomplizierten Art und sommerlichen Aromen prototypischen Gemischten Satz für ausreichend Struktur und Tiefgang. Sofort werden Erinnerungen an die Studienzeit wach, die an schönen Tagen im darüber gelegenen Bad mit nachträglichem Heurigenbesuch und nicht im Vorlesungssaal verbracht wurde. Gespannt darf man auf die in diesem Jahr erstmals angebotene Reserve Version (gelesen am 26.10.) sein.

Einen ersten Ausblick liefert vielleicht schon der nächste Wein, der 05er ‚Alte Reben‘ von Michael Edlmoser aus einem ebenfalls 50 Jahre alten Weingarten, diesmal aus dem wämeren und trockeneren Süden Wiens (Maurer Berg). Wesentlich mächtiger als der Vorgänger präsentiert sich der Wein initial weißfruchtig mit einer traubigen, gut eingebundenen Süße, zu der sich später veltlinerartige würzige Aromen gesellen. Insgesamt aber doch eher rieslinghaft würde ich mir diesen Wein noch kompromissloser mit deutlicheren Herkunftsaromen wünschen.

40 Jahre alt sind die Stöcke für den 04er ‚Nußberg Alte Reben‘, dem vielleicht bekanntesten Wiener Weinberg zwischen Donau und NußbergKahlenberg gelegen, von Fritz Wieninger, ehemals als Handywinzer in der Wiener Schickeria verrufen, jetzt aber Antreiber und qualitatives Aushängeschild im Wiener Weinbau. Das Problem dieses Weins ist oft, eine fehlerfreie Flasche zu erwischen, diesmal gelang’s. Die Nase überrascht mit einer fast schon sauvignonartigen Würze, eingebettet in ein Meer aus gelben, zum Teil exotischen Früchten. Deutliche Reife- (Botrytis?) und dank des kompromisslos trockenen Ausbaus mineralische Noten am Gaumen ergeben ein sehr überzeugendes und präzises Gesamtbild.

Eine ganz andere Stilistik aus gleicher Lage verfolgt der 04er Gemischte Satz ‚Nussberg Grande Reserve‘ von Richard Zahel aus gleicher Lage. Beinahe habsburgerisch präsentiert sich dieser halbtrockene, frech als trocken ausgezeichnete Wein mit einer noblen, teils sherryartigen Nase und einem barocken Körper mit traubigen und honigsüßen Noten zum Reinbeissen. So ungefähr stell‘ ich mir Maria Theresia als Wein vor.

LogoDie 3 Letztgenannten haben sich erst letztes Jahr gemeinsam mit Rainer Christ unter dem Namen „WienWein“ zu einer Art Qualitätsoffensive zusammengeschlossen. Und there is more to come. Das neuesete Liebkind, das sich anschickt, Kultstatus zu erlangen, ist der ‚Schrammler‘, der seinen Namen von einem der Kreateure und gleichzeitig Mitglied der Philharmonia Schrammeln bezieht. Es handelt sich um eine Luxus-Cuvée der besten Weine von Fritz Wieninger: Gemischter Satz (‚Nußberg Alte Reben‘), Grüner Veltliner (‚Nußberg‘ und ‚Kaasgraben‘) sowie einem Barrique-Fass ‚Chardonnay Select‘. Interessant sind auch Miniaturprojekte wie jenes von H3O, 3 Ultras in Wein mit den bewußt altbackenen Pickerln Etiketten, oder der Feldzug des ehemaligen Werbeprofis Hans Schmid, dessen Weingut Rotes Haus (wunderschön am Weingebirg im Nußberg und nicht etwa am Gürtel gelegen) sich nach und nach mit gestandenen Weinprofis verstärkt und alteingesessene Betriebe einverleibt.

8 Responses to “Wiener Melange”

  1. Florian Says:

    gemischter satz rules okay! mit zunehmender popularität und nach wie vor unmöglicher definierbarkeit dieses ex-underdogs wird’s in zukunft natürlich schwierig, „echten“ gemischten satz (gemeinsam im garten gewachsen, gemeinsam gelesen, gepresst) von diversen cuvées und restelverwertungen (bisher machte man da in wien keinen besonders großen unterschied) zu unterscheiden.

  2. duni Says:

    Eigentlich eine spannede Sache, betrachtet man das ganze mal vom Terroir-Standpunkt: Die Lage wird wichtiger als die Einzelreben. Erinnert mich an Marcel Deiss Weißweine, die zum Großteil auch als „gemischter Satz“ aufgelegt werden.

  3. pivu Says:

    Das ist genau der Punkt: florian spricht von „unmöglicher definierbarkeit“, was ich gut und richtig, aber nicht unbedingt negativ finde, wenn einmal nicht gleich nach (rebsortentypischen) Marillen-, Brennnessel- oder Mangoaromen gesucht wird. Was ist daran schlimm? Ist nicht gerade der Gemischte Satz, also mehrere, seit langem gemeinsam wachsende Rebsorten, besser in der Lage, ein spezifisches Terroir wiederzugeben als nur eine einzige Rebsorte, deren Charakter die Lage im Extremfall verfärbt? Natur statt Inzucht sozusagen. Entscheidend und werthaltig ist und bleibt die Lage wie z.B. der Nussberg (und nicht der Rebsorten-Mix) und damit wären die trittbrettfahrenden „Cuvées und Restelverwertungen“ (und die eher simplen G’mischten) außen vor.

    Dass es geht, zeigt Jean-Michel Deiss im Elsaß, wie duni gleich richtig assoziiert. Oder in Rot die guten Zin-grower und -maker in Kalifornien, in deren Weingärten neben uralten Zinfandel-Stöcken auch noch genügend andere (Petite Sirah, Mourvèdre/Mataro, Carignan etc.) herumstehen. Warum also nicht auch in Wien? Liegt’s (noch) am fehlenden Mut, Können oder Erfahrung, am Publikumsgeschmack vorbei entsprechend kompromisslose Weine zu produzieren? Welche Lagen sind überhaupt die Grand Crus mit entsprechend eindeutigen Informationen? Das Alter eines Weingartens allein ist nicht genug, aber wir stehen ja erst am Anfang der Renaissance des Gemischten Satzes.

  4. Florian Says:

    zweifellos (wobei meine rote assoziation eher châteauneuf wäre), das problem der undefinierbarkeit ist ein viel schnöderes: wenn der wein, der die vergangenen 50 jahre nur als spritzer-komponente gut war, nun auf einmal ruhm und geld verspricht, wie will man garantieren, dass es sich bei „gemischtem satz“ tatsächlich um solchen handelt und nicht um eine hingebastelte wien-cuvée. fritz wieninger macht’s in seiner nussberger lage ulm ziemlich richtig und setzt zierfandler nach. andere machen sich’s leichter, verschneiden, was gerade da ist, tun ein bisserl sauvignon dazu, weil der gut ankommt, und fertig. bin der meinung, „gemischter satz“ darf sich nur das nennen, was nachweislich gemeinsam im garten gewachsen ist, gemeinsam gelesen und gepresst wurde (kellerei-inspektion?). glaub‘ auch, dass sich ein etwaiges „terroir“ nur so darstellen lässt (und bin nicht 100%ig davon überzeugt, dass der wunderbare sommeregg-weingarten solches besitzt, obgleich ich ihn so liebe …). weingarten-alter hilft, ist aber nicht alles. die reserve wurde übrigens wunderbar (der normale auch). bei nächster gelegenheit den 2006 wien.kult (gem. satz) von f.m. mayer probieren – sehr gut.

  5. angelika Says:

    Ja der Schrammler – der neue Liebkind-Wein in gewissen Kreisen, aber eben KEIN gemischter Satz! Weshalb ich mit Florian konform gehe, dass, will man dem neuen Wiener Gemischten Satz künftigen Stellenwert geben, schon sehr genau auf die Machart schauen soll.

  6. pivu Says:

    Hier ein Update aus dem Standard über die Ambitionen der schon genannten Gruppe „WienWein“ um Fritz Wieninger, die das sportliche Ziel ausgibt, den Gemischten Satz als „Top-Wein“ (!) zu etablieren. Darüberhinaus findet man Wissenswertes über die Geschichte des G’mischten, die strengere „WienWein“-interne Reglementierung und manch lesenswerten Kommentar.


  7. […] Renaissance und Qualitätsoffensive in dieser Grand Cru Lage ging […] durch “Zuagraste”, also Winzer aus anderen Teilen Wiens, wie z.B. Fritz Wieninger aus Stammersdorf oder Richard Zahel aus Mauer. (Über deren ‘Gemischter Satz’ aus gleicher Lage wurde hier schon berichtet.) Aber auch das Engagement engagierter Neowinzer wie das der Südburgenländerin Jutta Ambrositsch trägt zum stetig steigenden Renommée des Nussbergs bei. […]


  8. […] Artikel zum Thema von Christian Schiller Six-to-nine blog von Peter […]


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