Punktewahnsinn (9)

April 28, 2007

Es scheint so, dass ich nicht mehr der einzige Rufer in der Wüste gegen den inflationären Punktewahnsinn bin, und sich nach und nach eine Gegenbewegung formiert. So gab’s im Rahmen der diesjährigen ProWein einen RoundLongtable mit wichtigen Kritikern, Medienprofis und Händlern zum Thema „Päpste und Punkte“ (nachzulesen in der aktuellen Vinum). Hier einige Bonmots aus dieser Diskussion:

Dorli Muhr: „... Die Leute kaufen durchaus nach Punkten ein. Nur halte ich das für einen grossen Irrtum.“ In der Folge zitiert sie Hugh Johnson, der einmal sagte: „Punkte vergibt nur, wer nicht in der Lage ist zu formulieren“ – sein Verhältnis zu Punktepapst Robert Parker ist spätestens seit der Diskussion um den 03er ‚Ch. Pavie‘ bekannt -, und schließt daraus: „Der Verbraucher will Geschichten, er will die Geschichte des Weines, des Winzers und der Landschaft. Eine Punktewertung wird dem nie gerecht.“

In die gleiche Kerbe schlägt Rudolf Knoll: „Wenn ich die Weine eines Winzers beurteile, sollte ich seine Geschichte kennen und vielleicht auch seine Befindlichkeiten. Nur dann kann ich über die Weine urteilen. Ich sehe mich nicht als Punktepapst, sondern ich will ja auch die Geschichte hinter dem Wein erkennen. Und diese Geschichte will ich dem Leser vermitteln.“

Geschichten statt Punkte also, wenn es so einfach wäre. Geschichtenerzähler Martin Kössler begegnet dem aus kommerzieller Sicht: „Wir haben vor 20 Jahren angefangen, Weine über Geschichten zu verkaufen. Nichtsdestotrotz ist es ein trauriges Faktum, dass Punkte alles entscheidend sind. Der Kunde ist nun mal nicht mehr bereit, Geschichten zu lesen.“

Noch drastischer formuliert es Andreas März: „… der Konsument ist an allem schuld! Der Konsument ist zu ignorant. Den interessiert keine Geschichte. Die Punkte machen wir nur, weil der Konsument sagt: Was soll ich kaufen, ich habe keine Zeit, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich trau den Punkten ja selbst nicht. Aber wenn ich diese Punkte nicht vergebe, dann verkaufe ich das Papier nicht mehr.“

Ein Teufelskreis, und immer sind’s die anderen, der Konsument, der Weintrinker soll also verantwortlich für die derzeitige Fehlentwicklung sein.

Dem widerspricht Dorli Muhr heftigst: „Der Konsument ist an allem schuld?! Das ist eine irrsinnige Präpotenz. Das Problem ist das Angebot, das heute auf dem Markt ist. Dass der Kunde sich darin nicht zurechtfindet, ist keine Dummheit. Wenn wir mit dem Punktesystem nicht zufrieden sind, dann müssen wir wieder anfangen zu kommunizieren. Das ist unsere Arbeit.“ Eigenkritik und Kollegenschelte? Sie sucht die Ursache der Misere ganz woanders: „Ich sehe im übrigen grosse Unterschiede zwischen dem, was Frauen und Männer über Wein berichten. Aus diesen Beobachtungen schliesse ich auch, dass dieses Bepunkten eine rein männliche Testosteronausschüttung ist.“

Dorli Muhr beschäftigt in ihrer Agentur übrigens ausschließlich Frauen. Jetzt weiß ich auch, warum.
tbc

One Response to “Punktewahnsinn (9)”


  1. Erstaunlich ist ja wieviele Weine inzwischen im Handel sind, bei denen 90+ Punkte von Parker und Konsorten drauf sind. Manche kosten kaum mehr als 5 Euro. Da muss doch den ignorantesten Menschen klar werden, dass das alles nicht mit rechten Dingen zugeht. Zumal diese Konsumenten (es sind eben nicht DIE Konsumenten, sondern eine ganz bestimmte Gruppe) ja nun wirklich zu bemitleiden sind, die sich ausschließlich danach richten, ob irgendjemand anderem dieser Wein subjektiv geschmeckt hat. Ja, ja, die Aufklärung ist ein langer steiniger Weg. Dazu würde auch das Selbstbewußtsein zu einem eigenen Geschmack gehören. Dies gehört nämlich auch zur Selbstbestimmung. Bei meinen Verkostungsnotizen wird es nach wie vor nur Texte geben.


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