Winzerlatein und des Weinhändlers Hype

Juni 6, 2007

Auch wenn das Thema Winzerlatein alles andere als neu ist, mein Alter Ego hat sich im letzten Herbst auf SPEISING.NET dazu Gedanken gemacht und auch auf talk about wine wird es heftig diskutiert, hat es nichts an Aktualität eingebüßt. Noch immer wird der naive Weinfreund mit Phrasen wie „naturnahes Arbeiten im Weinberg“ oder „möglichst wenig Eingriffe im Keller“ bombardiert, die freilich genauso unverbindlich wie inhaltsarm sind, sind doch von chemischem Dünger über Herbizide und Fungizide bis Insektizide alle Errungenschaften dieser Chemiewelt erlaubt, wie bei dem vorhin genanntem Link auch kommentiert wird. Ein gezielter Rundgang durch Weinberg und Keller schafft da rasch Aufklärung.

Wir verwenden „nur gesundes Traubenmaterial“, das „schonend und langsam verarbeitet wird“, heißt es fast immer. Gar manche sprechen bei ihren limonadigen, reduktiv ausgebauten Weinen, schließlich „muss die Frucht ja erhalten bleiben“, ganz ihren französischen Vorbildern folgend, frech von „bewusstem Hefekontakt“ bis zur „Spontanvergärungung“ mit ausschließlich „natürlichen, weingarteneigenen Hefen“. Für Fülle und scheinbare Komplexität sorgen nicht selten Botrytis, wenn’s sein muss auch schlechte, oder ein übertrieben hohes, für den Kritiker umso erfreulicheres Maß an Restzucker.

Aufklärung schaffen kann da eine Art Lexikon, ähnlich zu diesem Kommentar eines österreichischen Weinjournalisten:

  • „Ein Winzerjahr“: Schlechter geht’s nicht!
  • „Harmonie aus Tradition und moderner Technik“: noch nicht genug Geld, um alles auf den letzten Stand zu bringen.
  • „Riesiges Potenzial“: der Wein ist (noch) unrund.
  • „Schön gereift“: der ist drüber.
  • „Kein besonderes Rotweinjahr“: vielleicht als Essig geeignet.

Eine Steigerung erfährt dieses Winzerlatein durch ein nicht immer zu verstehendes Händlerdeutsch, wenn versucht wird, durchschnittliche Weine in geradezu marktschreierischer Manier an den Mann zu bringen. So wird der in Deutschland und Bordeaux höchstproblematische Jahrgang 2006 in den höchsten Tönen gelobt. Ein Händler spricht gar von einem „großen, klassischen Jahrgang des guten Winzers und des exzellenten Terroirs“ mit „Rasse, Raffinesse und einer hocharomatischen, komplexen Frucht, seidig reifem, feinen, frischem Tannin“. Geht’s überhaupt noch besser? Erste Ergebnisse der Primeurverkostung lassen freilich mit Ausnahme der wenigen renommierten, hochpreisigen und deshalb liquiden Chateaux alles andere als einen großen Jahrgang erwarten. Entsprechend halten sich, wie diese Diskussion deutlich macht, zumindest die Kenner bei der diesjährigen Subskription vornehm zurück.

Den Vogel punkto Superlative schiesst der Schweizer Weinhändler Beat Caduff mit seiner Einschätzung der 2006er Rieslinge aus Deutschland ab. Nicht nur, dass er in dieser Broschüre von einem „bombastischen Jahrgang“ spricht, der reihenweise 20, 21 und sogar 22+ Punkte im Zwanzigersystem (!) rechtfertigt, bietet er mit seinen eigenwilligen Beschreibungen großen Unterhaltungswert. Zum einen schafft er abenteuerliche Assoziationen zu exotischen Früchten wie Mangustines oder Bergmandarinen, von denen nicht nur ich noch nie etwas gehört geschweige diese gegessen habe, oder zeichnet feinste Nuancierungen zwischen Mangos aus den entlegensten Winkeln dieser Erde wie Australien, Peru oder Thailand. Zum anderen ähneln viele Weine italienischen Automarken mit einem aufreizend bekleideten Sexsymbol – you name it, Name und Outfit sind beliebig austauschbar – auf dem Beifahrersitz. Der gute Mann hat wohl zuviel Playboy geschaut gelesen, zumindest scheint er beim Genuss dieser Weine ähnliche Gefühle zu erleben, wenn er eine Rieslaner-TBA aus Rheinhessen mit „Hier kommst du fast zum Orgasmus“ beschreibt. Wie seriös das ganze noch ist, soll jeder selbst beurteilen, verkaufsfördernd ist es für eine bestimmte Klientel allemal.

7 Responses to “Winzerlatein und des Weinhändlers Hype”


  1. […] Pivu hat einen schönen Artikel online gestellt der vom Winzerlatein handelt.
    Nun muss man wissen, das diese Eigenschaft, Winzerlatein zu produzieren Winzern angeboren ist.
    Damit ist auch klar, warum Winzerlatein vom Winzer authentisch ist und von einem Nichtwinzer eben nicht!! […]

  2. ASM Says:

    Natürlich hast Du Recht, auch wir finden bei uns selbst immer wieder euphorische Beschreibungen und gelegentlich auch einfach übertriebenes, nur so einfach ist es halt auch nicht, immer wieder zu versuchen, abwechslungsreiche und mit positiver Grundstimmung versehene Verkostungsnotizen oder Weinbeschreibungen zu verfassen. Dass die Beschreibungen immer positiven Grundton haben, liegt nun auch nicht an der notorischen Unehrlichkeit und Verkäuferseele der Weinhändler, sondern schlicht daran, dass man von seinen Weinen überzeugt ist.

    Dass wir auch anderes verkosten, auch manchmal von den schon im Programm befindlichen Winzern, ist doch auch klar, nur diese Weine kommen dann halt nicht ins Programm und dann müssen wir da auch nicht allzuviel Worte darüber verlieren. Ich glaube nicht, dass einen Kunden eines Weinhändlers interessiert, warum ein Wein nicht den Weg ins Programm gefunden hat.

    Dass manchmal bei einem Weinhändler auch der Weinbeschreibungsgaul durchgeht, klar, kennen wir doch alle, dass es Kollegen gibt, die etwas stärker der Superlativitis anhängen, auch klar, aber das bekommt man ja schnell raus und kann es dann einschätzen😉 .

  3. pivu Says:

    Aber muss man als Händler wirklich bewusst Unwahrheiten verbreiten? Da wird z.B. behauptet, dass ein ziemlich beliebiger und übertrieben parfümierter Grüner Veltliner, den sogar der danebenstehende Winzerkollege als untypisch taxierte, auf Platz 1 der diesjährigen „Selektion Spargelwein“ landete. Diese umfasst in der endgültigen Auswahl 132 Weine, die qualitativ nicht weiter unterschieden, sondern nur kategorisiert werden. Der so hochgejubelte Wein ist lediglich der erste in der alphabetisch nach Betrieben angeordneten Liste in der Kategorie „leichte Weine“. (Aussagen über die tatsächliche Weinqualität werden da eh nicht getroffen, ein unlängst verkosteter Pinot Blanc eines Promiwinzers, der es ebenfalls in diese Liste geschafft hat, hatte bestenfalls Pinogritscho-Niveau.)

  4. ASM Says:

    Erwischt, also bewußt habe ich es gar nicht gemacht, allerdings hätte ich mir die Liste etwas genauer anschauen sollen. Sorry. Ich habe halt unseren Winzer oben in der Liste gesehen und statt mir den Grund der Reihenfolge anzusehen, gedacht der ist Bester geworden. Nicht gut, gebe ich zu. Absicht war das keine, macht es aber auch nicht wirklich besser.

    Nichts desto trotz kann ich Deine Beschreibung dieses Weins auch nicht ganz nachvollziehen, aber ich kenne ja Deine Vorlieben und Wünsche an Weine, insofern weiß ich das einzuordnen. Parfümiert und völlig untypisch finde ich im Zusammenhang mit diesem Wein nicht passend, aber egal.

    Trotzdem ein schönes Wochenende und immer einen typischen, authentischen und ausdrucksstarken Wein im Glas😉 .


  5. Vielleicht wird es mal Zeit für eine erklärende Weinseite oder ein Buch? In Sachen Reiseprospekt weiß ja inzwischen auch jeder, dass „familienfreundliches Hotel“ schreiende Kinder beinhaltet, die „zentrale Lage“ eine Durchgangsstraße vor der Tür und „voll im Leben“ eine angebaute Disco. Etwas ähnliches würde ich mir wünschen, wenn ich die immer verschwurbelteren Beschreibungen der Winzer lese…

  6. pivu Says:

    Lustig fand ich auch folgende Aussage in einem Flyer eines Deutschen Weinguts, dessen Weine gestern im Rahmen einer Promotion-Veranstaltung gereicht wurden: „Unsere Weine zeichnen sich in ihrer Jugend durch ihre frische und spritzige Art aus.“ Soweit so gut, aber jetzt kommt’s: Deshalb sind sie auch außergewöhnlich gut lagerfähig.“ Also was jetzt?

  7. CaptainCork Says:

    sehr gut zu lesen, danke


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