Klasse und Charakter zum Schnäppchenpreis

August 14, 2007

„MustTaste Weiß unter 10 Euro“ lautet also das Motto der 2. Etappe der Weinrallye, deren Organisation diesmal Thomas Günthers weinverkostungen.de übernommen hat. Auch Weinrallyewenn 10 Euro als Obergrenze für manchen Weinfreund eher wenig erscheint, soll nicht vergessen werden, dass 90 und mehr Prozent aller hier verkauften Weine nicht einmal die Hälfte kosten, Aldi & Co sei Dank. Man darf, ja muss also auch in diesem Segment Weine erwarten, die sich vom Supermarktramsch positiv abheben, die im Idealfall Herkunft, Winzer und Jahrgang, manche nennen es Terroir, widerspiegeln.

Mein Favorit ist, für die meisten nicht Wagram überraschend, ein Wein aus Österreich, und zwar vom Wagram, einer Region, die viele Jahre als solche kaum wahrgenommen und von manch arrogantem Winzer einige Kilometer weiter westlich despektierlich als „Wackelboden“ bezeichnet wurde. Auch im österreichischen Weingesetz war der Wagram bis zuletzt nur eine Subregion der legistischen Kunstgeburt Donauland, bis vor einigen Wochen der dortigen Dynamik und dem eigenen Profil endlich Rechnung getragen und Wagram als eigenes Weinbaugebiet verankert wurde. Es ist ein Grüner Veltliner, und zwar der ‚Hengstberg‘ von Toni Söllner, der mich Jahr für Jahr aufs Neue überzeugt. Der aktuelle Jahrgang 2006, den ich erst letzte Woche gemeinsam mit dem sympathischen Winzerpaar Daniela Vigne und Toni Söllner in deren Gutshof verkosten durfte, zeichnet sich durch noch mehr Dichte und Reife als die ohnehin schon gelungenen Vorgänger aus, benötigt aber noch einige Monate Flaschenreife.

Auch die Beschreibung des Winzers lässt erahnen, dass es hier um einen Wein geht, der nicht alltäglich und vielleicht auch erklärungsbedürftig ist: „… auch bei dieser Sorte gibt es unterschiedliche Spielarten. Dieser Wein stammt von Steinzeugsunseren am höchsten gelegenen, südlich exponierten Weingärten am Hengstberg – mit 371 m Seehöhe der weithin höchste ‚Berg‘ am Wagram. Gekeltert von den früher bei uns üblichen, alten Spielarten des Grünen Veltliners, wo fast jeder Stock ein bisschen anders aussieht. Diese Verschmelzung ergibt einen leichteren und bekömmlichen aber trotzdem tiefgründigen und charaktervollen Wein. Es vollzieht sich eine händische Selektion der schönen, vollreifen Trauben. Der gewonnene Most vergärt langsam in unseren neuen, alten Steinzeug-Behältern wo auch der Ausbau bis zur Füllung im März vonstatten geht.“ Damit nicht genug: die Bewirtschaftung im Weingarten erfolgt schon seit 1996 nach biodynamischen Prinzipien, die Vergärung mit eigenen Hefen und der Ausbau seit 3 Jahren in 1000 Liter-Porzellan-Tanks. Geht’s noch individueller?

Im Glas befindet sich dann ein sehr spezieller Veltliner, der so gar nicht in das allgemein bekannte Bild des Wagrams passt, stammt er doch weniger vom Löss als vom Muschelkalk und auch vulkanischen Gestein. Keine breite Frucht, kein übertriebener Pfeffer- oder gar Sämlingston beherrschen das Geschmacksbild, allein die getrockneten erdigen Noten, die sich zart im Hintergrund zurückhalten und dem ohnehin sehr feingliedrigen Veltliner weitere Struktur und Typizität verleihen, lassen den Wagram als Herkunft vermuten.

In der Nase ist der ‚Hengstberg‘ ausgesprochen fein,weniger karg als noch vor 2 Jahren, grüne Äpfel und Limetten vermengen sich mit dem Geschmack von Heu und trockener Erde, dazu ein Schuss pfeffrige Würze, im Mund mittelkräftig mit sandig-filigraner Mineralität. Ausgesprochen bekömmlich, animierend und ein hervorragender Essensbegleiter. Aber auch ein Wein, der zu polarisieren vermag, so kamen nicht wenige Bekannte erst nach dem 3. Glas auf den Geschmack und untersuchten interessiert die Flasche, andere gaben nach dem 1. Glas auf.

Ein feiner Burgundertyp vom Wagram also, der die meisten Wachauer Federspiele mühelos hinter sich lässt und Lust auf ein weiteres Glas macht, ohne es am nächsten Tag bereuen zu müssen. Für 7,- € ab Hof ganz viel Wein, wer braucht da noch DAC oder Binogridscho!

Und there is more to come: demnächst feiert ein Roter Veltliner der neu ausgesetzten Lage ‚Berg Eisenhut‘ seine Premiere, dessen Fassprobe mich vor 5 Tagen sprachlos machte. Noch nie hatte ich einen derartigen Roten Veltliner im Glas, ein Wein, der an allerbeste nordostitalienische, slowenische und kroatische Weißweine ohne übertriebenen Maischekontakt erinnert und diese Ursorte des Wagrams neu definiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Bildquellen: ÖWM, Weingut Söllner

4 Responses to “Klasse und Charakter zum Schnäppchenpreis”

  1. Thomas Says:

    Roter Veltliner? Bin ich Unwissender? Davon hab ich ja noch nie gehört…

  2. pivu Says:

    Gibt es, wenn auch nicht sehr viel. (0,5% der Rebfläche in Ö im Vergleich zu 36%, also mehr als einem Drittel, beim Grünen Veltliner.) Ähnlich rar ist der Frührote Veltliner, der mit dem Roten auch nur entfernt verwandt ist. Der Rote erinnert mich immer ein bissl an Malvasia mit einem Schuss Orangenextrakt. Aber der ‚Berg Eisenhut‘ wird die Rebsorte eh neu erfinden, das prophezei‘ ich schon mal.

    Eine Verbindung zum Grünen Veltliner, und um den geht’s ja hier, ist nicht bekannt. Gestern hatte ich btw parallel den 06er und den 05er ‚Hengstberg‘, 05 derzeit wunderschön, 06 etwas üppiger mit Babyspeck, braucht noch Flaschenreife, hat aber alle Anlagen für einen großen Veltliner.


  3. […] Zurück nach Österreich. […] Pivu berichtet über einen Wein aus Wagram, einer seiner Meinung nach zu unrecht vernachlässigten Region. Die Rebsorte hingegen ist sehr typisch für Österreich: Grüner Veltliner. Ein Beitrag der unweigerlich das Interesse an dem Wein weckt. […]


  4. […] noch eine Empfehlung für einen echten Veltliner: Roter Veltliner ‚Berg Eisenhut‘ vom Weingut Söllner in Gösing, aber Achtung, wie hier bereits angedeutet wird die Rebsorte ganz neu definiert. Das Weingut selbst spricht von „Roter Veltliner in einer neuen Dimension“.


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