Runder Jahrgang

Oktober 22, 2007

Etikett Nussberg Ried Preussen 2006Einen runden Geburtstag feiert man gern mit guten Freunden und einem gleichaltrigen Wein. Was aber tun, wenn ausgerechnet dieser Jahrgang als Totalausfall für gute und haltbare Weine gilt, und zwar weltweit? Vielleicht mit Ausnahme von manchem Port oder Tokaji, die freilich nicht das Wahre für jemanden, der nicht als eingefleischter Fan von Süßweinen gilt, sind. Man liest an diesem Jubeltag seinen eigenen Wein, gewachsen auf heimatlichem Boden!

So geschehen vor genau einem Jahr in einer der Paradelagen Wiens bei wunderschönem Wetter und deutlich über 20°. Sogar der Kachelmann Wettergott hat an mich gedacht. Der herrliche Blick auf Donau und Stephansdom lässt mich über das allgegenwärtige AKH großzügig hinwegsehen, das ja schon ein anderer, heute nicht mehr unter uns weilender Wiener als Fehlkonstruktion entlarvte. (Frage an die Leserschaft: wer war es und wo stand er?) Zum Wein: es handelt Herbst Ried Preussensich um einen Riesling vom Nussberg aus der Ried Preussen von Jutta Ambrositsch. Die Renaissance und Qualitätsoffensive in dieser Grand Cru Lage ging bezeichnender Weise nicht von dem einen oder anderen Platzhirschen, also von in unmittelbarer Nähe ansässigen Heurigenbetrieben mit Busparkplatz aus, sondern durch „Zuagraste“, also Winzer aus anderen Teilen Wiens, wie z.B. Fritz Wieninger aus Stammersdorf oder Richard Zahel aus Mauer. (Über deren ‚Gemischter Satz‘ aus gleicher Lage wurde hier schon berichtet.) Aber auch das Engagement engagierter Neowinzer wie das der Südburgenländerin Jutta Ambrositsch trägt zum stetig steigenden Renommée des Nussbergs bei.

Mein „Geburtstagswein“ ist also alles andere als ein beliebiger Riesling oder gar ein besserer Ausschankwein vom Heurigen Reihe 2 & 3um die Ecke. Die einmalige Qualität vor allem im Jahrgang 2006 hatte ihren Ursprung wie meist im Weingarten. Es sind zwar nur 4 Reihen mit insgesamt 400 Stöcken, die Jutta in der Ried Preussen bewirtschaftet, aber dies erfolgt streng nach biodynamischen Prinzipien, statt klassischer Spritzmittel kommen Essenzen, Tees und Ansätze zum Zug. Im Keller (bei Fritz Wieninger) wird mit Maischestandzeiten und ausschließlich Spontangärung ohne größere Eingriffe gearbeitet. Dazu kommt ein gewisses Alter der Rebstöcke (25 Jahre), das ebenso mitverantwortlich für die Portierung des einmaligen Terroirs in den fertigen Wein ist.

Wie schmeckt nun dieser Wein? Ich zitiere dafür ausnahmsweise Österreichs Weinpapst Peter Moser, für den dieser Riesling zu den besten 3 aus ganz Wien zählt:

Riesling ‚Nussberg Ried Preussen‘ 2006
Weinbau Jutta Ambrositsch

14,3%, S 6,3, RZ 9,5, DV, halbtrocken

„Mittleres Grüngelb. In der Nase mineralisch-rauchige Terroirwürze, feine Weingartenpfirsichfrucht, nach Walderdbeeren und Zitruszesten. Am Gaumen sehr präzise und klar, feine gelbe Frucht nach Ananas, lebendige Säurestruktur, von einer brillanten Säure gepuffert, extraktsüß und anhaltend im Finish, sehr vielversprechend, gutes Lagerpotenzial. (92)“

Gestern zeigte der ‚Preussen‘ anfangs Aromen von Pfirsichschalen und Zwetschgen, gepaart mit sommerlich-floralen Noten, alles sehr dezent, die sich zunehmend zu einer sehr feinen und präzisen Frucht nach Orangenzeste wandeln. Im Mund gelbe Früchte, zwar zupackend, saftig und fleischig, kräftig, aber niemals breit, wunderbar ausbalanciert, Alkohol, Säure und Restzucker sind hervorragend eingebunden, etwas braune, sehr feinkörnige Erde mit grünen Würzaromen, schöne Länge.

Von der legistischen Bezeichnung halbtrocken darf man sich nicht abschrecken lassen, der Wein präsentiert sich aufgrund seiner Kraft und seines Extraktreichtums immer sensorisch trocken. Das Lagerpotenzial Trauben Preussen 2006werde ich versuchen, auszuloten und zu gegebener Zeit an dieser Stelle zu dokumentieren. Es waren zwar nur knapp 400 Kilo traumhaft schöner, fast völlig gesunder Trauben, aus denen 280 Liter „pulsierender Ausnahme-Riesling“ gekeltert wurde, aber noch befinden sich genügend Flaschen in meinem Keller, um den Wein über einen langen Zeitraum beobachten zu können. Vielleicht reicht’s ja bis zum ganzen Jahrhundert.

Für all diejenigen, die jetzt neugierig geworden sind, heuer wird’s vom gleichen Wein etwas mehr geben, und das nicht nur, weil meine Charge diesmal kleiner sein wird. Die Trauben waren ähnlich reif und gesund wie im vergangenen Jahr und damit in wesentlich besserem Zustand als beispielsweise in der Wachau. Und der ‚Preussen‘ hat auch einen „Bruder“ in unmittelbarer Nachbarschaft bekommen, beginnend mit dem Jahrgang 2007 wird es einen weiteren Riesling aus dem Zentrum des Nussbergs, dem ‚Rosengartl‘, geben, dessen Trauben übrigens gestern gelesen wurden. Man darf auf den Vergleich gespannt sein.

4 Responses to “Runder Jahrgang”

  1. Michael Says:

    Na dann noch nachträglich alles Gute und weiter so! Den Wein gibt’s wohl eher nicht mehr zu kaufen?
    Zum „Quiz“: das war der Helmut Qualtinger, und ich glaub‘ er stand am Kahlenberg.

  2. florian Says:

    ab weingut gibt’s den wein nicht mehr, aber beim weinhändler zarbach und im schwarzen kameel müssten noch bestände verfügbar sein.


  3. […] Ich persönlich halte es immer damit, mir im Fall von mehreren Abfüllungen grundsätzlich die späteste in den Keller zu legen. In der Regel besitzen diese Weine auch kein Sonder-Etikett, auch wenn es Ausnahmen wie diese gibt. Nur wird dieser Wein aufgrund seines Etiketts nicht verkauft, sondern verschenkt und manchmal auch getrunken.


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