Blaufränkisch 2002 (2) – Kontroverse Wahrnehmung und Fazit

November 10, 2007

Richtig spannend wurde es nach der Blindverkostung, als wir unabhängig voneinander unsere Gute Blaufränkischebescheidenen Eindrücke zum Besten gaben. Ich vorneweg, um mich ja nicht nachträglich beeinflussen zu lassen, wozu war ich als Erster fertig? Aber schon bald kamen erste Zweifel auf, hatten die anderen wirklich die gleichen Weine im Glas? Mein Favorit im Glas Nummer 6 heimste gleich 3 letzte Plätze ein, hingegen lag die Nummer 3 überraschend gut im Rennen. Auch das Holzmonster im 2. Glas hatte erstaunlich viele Befürworter, mir stand die Trinkigkeit im Vordergrund. Ein Kontroll-Riechen an Nachbars Glas schloss Fehler beim Einschenken aus. Wenigstens beruhigten mich die beiden Veranstalter am Ende, die ähnlich wie ich, die Nr. 6, 4 und 1 vorne sahen.

Es folgte das mit Spannung erwartete Aufdecken, erst die Nummern 1 und 6, die sich deutlich anders, nämlich kühler und individueller als der Rest präsentierten. So hätt‘ ich’s ja auch angehen können, warum nur bildete ich mir ein, einen vermeintlich schwächeren Wein, den ich noch dazu kaum kannte, zuerst identifizieren zu müssen? Müssten also die beiden Südburgenländer sein. Wär‘ ja auch logisch, wenn ich mir beim ‚Perwolff‘ aufgrund der schlechten Erfahrungen nicht so unsicher gewesen wäre. Dabei hätte ich es besser wissen müssen, gehört gerade Krutzlers ‚Reserve‘ aus gleichem Jahr zu meinen erklärten Lieblingen. Nummer 6, mein persönlicher Sieger des Abends, war also der ‚Perwolff‘, nach schwachen Jahren diesmal höchst gelungen mit großem Trinkspaß, die Nummer 1 tatsächlich der ‚Reihburg‘, ein Wein, der nicht einfach ist und seine Zeit zur Eroberung braucht, leicht parfümiert, ich verpasste ihm das Attribut „femine Mineralität“, aber woher zum Teufel kamen die Veilchen, die hab‘ ich bei Uwe Schiefer noch nie bewusst wahrgenommen.

Als nächste wurde die Nummer 3 enttarnt, wieder ein Wein, der aus der Reihe tanzte und eigenes Profil wagt. Es war der burgundischste und auch der am weitesten gereifte Wein, der Moric ‚Alte Reben Lutzmannsburg‘. Den hatte ich deutlich molliger und dunkelfruchtiger in Erinnerung, gerade die Weine aus Lutzmannsburg, die Ur-Moric‘, die es künftig nicht mehr geben soll. (Auch einen unlängst mit Schiefers ‚Szapary’ parallel getrunkenen 2004er ‚Neckenmarkter‘ hatte ich deutlich dichter mit weiterem Entwicklungspotenzial in Erinnerung.) Ein sehr bekömmlicher Wein mit gutem Säuregerüst, der auch bei den unvoreingenommen Mittrinkern gut ankam. Ich Banause hingegen, hab‘ diesen Wein völlig verkannt, sorry Roland, dennoch reichte es zum Gesamtsieg, das ist mehr als nur ein schwacher Trost. Den Wein hab‘ ich deutlich zu früh abgeschrieben, ein häufiges Problem von Massenverkostungen. Kein Wunder, dass Roland Velich seine Weine nicht mehr einreicht.

Der Rest war dann klar, das Holzmonster im 2. Glas war der ‚Point‘ von Kollwentz, im 4. Glas befand sich doch der ‚Mariental‘ von ET, insgesamt der vielleicht komplexeste Wein, mit allen Anlagen, um den ‚Perwolff‘ im Laufe der Zeit noch zu überholen. Damit blieb das 5. Glas für die ‚Selection‘ von Tesch. Und sobald die Assoziation ‚Mariental‘ fort war, brach der Wein in der Nachverkostung zusammen. Aus „verschlossen“ und „monolithisch“ wird „eindimensional“, „Potenzial“, „Kraft“ und „derzeit schwierig“ wandeln sich zu „rustikal“ und „Alkohol“.

Blaufränkisch 2002Weltklasse war kein einziger Wein, es gab solche, die Spaß machten, typische Verkostungssieger kämpften gegen Understatement. Winzer wie Uwe Schiefer, Reinhold Krutzler und Roland Velich machen vieles richtig, die Triebaumers sowieso, Kollwentz steht stellvertretend für ein Dilemma vieler hochgejubelter Roten in Österreich. Was nutzt mir beeindruckende Kraft, wenn der Wein am Gaumen keinen Spaß und Lust auf das nächste Glas macht? Wie unterschiedlich Wahrnehmung und Geschmack waren, zeigt dann auch nebenstehende Saalwertung. Würfeln hätte man auch können.

2 Responses to “Blaufränkisch 2002 (2) – Kontroverse Wahrnehmung und Fazit”

  1. weinfidél Says:

    who the hell wants to drink austrian red wines!😉

  2. pivu Says:

    There must be at least some idiots out there. But who the hell deals with this stuff?

    Eine guter Artikel mit einigen spannenden Kommentaren zur wachsenden Bedeutung von Österreichs Rotweinen ist aktuell unter dem Titel „Österreich weiß? Rot!“ im Standard erschienen.


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