Österreich und die EM (5) – „Alles Ball“

Januar 2, 2008

Georges Pretre 2008Auch das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker stand heuer ganz im Zeichen der sich bedrohlich nähernden Fußball-EM. Oder umgekehrt, wird man vielleicht in einem halben Jahr sagen. Um dessen künstlerischen Anspruchs ist’s ohnehin nur unwesentlich besser bestellt als um Taktik und Fußballkunst in der Alpenrepublik, ein nett anzusehendes bzw. anzuhörendes Freizeitgekicke, nicht mehr. Nur dass die perfekte Ausführung und mediale Einbettung in einen rot-weiß-roten Werbefilm über die Jahre zu einem weltweiten Erfolg geführt haben, der den heimischen Balltretern auch trotz Heimvorteil verwehrt bleiben wird.

Nunn soll die weltweite Popularität des musikalischen Aushängeschilds aus Wien dem heimischen Sorgenkind Fußball zugute kommen. So schmückte sich das patriotische Ensemble gestern mit rot-weiß-roten Fanschals, immer noch besser als der längst überfällige Kaiserbart in Anlehnung an die habsburgische Dynastie. Und es gibt weitere Parallelen: die Leitung des Neujahrskonzerts erfolgt nach dem Motto „jeder darf mal“, gerne auch öfter, auch wenn man den diesjährigen Dirigenten Georges Prêtre fast vergessen hätte, viele Gelegenheiten werden sich dem 83-jährigen nicht mehr bieten. Dieser Leitspruch scheint auch das Credo für die Besetzung des Teamchefpostens des Österreichischen Fußballbundes zu sein, Josef „Pepi“ Hickersberger durchleidetbt schon seine 2. Amtszeit, nachdem seine Premiere ausgerechnet nach einer seiner knapperen Niederlagen gegen die starken Inselkicker der Färöer jäh unterbrochen wurde. Dabei gäb’s ja außer ähnlich erfolglosen Teamchefs „Hansee“ K. und „Schneckerl“ P. weitere Trainerkandidaten aus dem 78er Cordoba-Team, wie z.B. den zuletzt mehrfach gescheiterten „Schoko“ Schachner. Vielleicht klappt’s ja für ihn trotzdem noch vor Erreichen des 83. Lebensjahrs, warum nicht als „Hickes“ Nachfolger, der schon heute vorsorglich seinen Rücktritt nach dem einer Nummer 94 der FIFA Rangliste würdigen Ausscheiden in der Vorrunde eingereicht hat.

Dabei könnte man sich so einfach am großen Nachbarn orientieren, der als kommender WM-Ausrichter vor 4 Jahren auch vor einem Scherbenhaufen stand. Bis nach einigen Absagen ein sonnengebräunter „Beachboy“ von der Westcoast kam, der mit eingefahrenen Strukturen brach, und neueste, nicht immer unumstrittene taktische und sportwissenschaftliche Erkenntnisse im Training wie im Spiel anwendete und auf diese Weise eine radikale Zertrümmerung versteinerter Verbandshierarchien einleitete. Der Erfolg gab ihm recht.

Freuen wir uns also auf Werke von Arnold Schönberg in einem der nächsten Neujahrskonzerte. Und auf Loddar M. als Nationaltrainer, denn auch in Österreich gibt’s fesche Madln.
tbc

Bildquelle: epa

3 Responses to “Österreich und die EM (5) – „Alles Ball“”

  1. Michael Says:

    Ein Dirigent als Nationaltrainer, why not? Einer, der die Spieler wie Marionetten mit seinen Fingern dirigiert – auch Pretre leitete das Orchester vornehmlich mit seinen Fingern ohne Taktstock -, und kein Stehgeiger wie seinerzeit Willi Boskovsky als Vaterfigur des Neujahrskonzerts. Davon gibt’s eh genug im Team.

  2. Armin Says:

    Ich weiß nicht, ob das mit dem Vorbild Piefke-Land wirklich so leicht ist. Natürlich hat Klinsi einiges umgestoßen und auch die ein oder andere heilige Kuh geschlachtet. Natürlich hat er frischen Wind in die muffigen Verbandsstrukturen gebracht und damit einiges bewirkt.

    Aber er konnte auch auf viele Erneuerungen zurückgreifen, die schon vor seiner Amtszeit eingeleitet wurden. Gerade die Jugendförderung wurde schon weit vorher gestartet und fängt jetzt langsam an Früchte zu tragen.

    Mit dem österreichischen Fußballverband kenne ich mich nicht aus, aber wenn ich so ein wenig von der österreichischen Liga mitbekomme, dann scheinen da Jugendförderung und Jugendinternate nicht durchgehend vorhanden zu sein, oder?

    Ich befürchte „einfach“ einen Klinsi holen und dann wird es schon, klappt nicht.

    Und der gute Loddar, auch wenn er ein Landsmann von mir ist, hat sich noch nirgends durch innovatives Training und großes taktisches Verständnis ausgezeichnet. Aber wir werden sehen, vielleicht wird er ja jetzt Nachfolger von Hitzfeld bei den Bayern …🙂

  3. pivu Says:

    @„Jugendförderung“: gerade da sind die Österreicher nicht wenig erfolgreich, wie ich vor einigen Monaten („Österreich und die EM (3) – der Jugend eine Chance„) schon angemerkt hab‘. Dem Finale stand übrigens niemand geringerer als der kommende Eintracht-Stürmerstar im Weg. Und Austrias (Noch-)Mäzen Frank Stronach ist Schirmherr zumindest eines Fußballinternats nach dem Vorbild Stams bei den Alpinen.

    @Loddar: der wird wohl überall Trainer, nur nicht in Deutschland (Toppis Hilferuf aus Kaiserslautern hatte er vor kurzem abgelehnt), vor allem in den Nachfolgestaaten der k.u.k-Monarchie, also irgendwann auch in Österreich. Bringen wird’s freilich wenig, er ist ja schon bei Rapid gescheitert, genauso wie Jogi Löw oder Christoph Daum beim Lokalrivalen Austria, außer höhere Auflagen für die Wiener yellow press. Auch die Philharmoniker nehmen eine Anleihe in Deutschland und haben für’s nächste Neujahrskonzert Daniel Barenboim, der die letzten Jahrzehnte in Berlin und Bayreuth unter Vertrag stand, verpflichtet.


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