Österreich und die EM (6) – „Höflichkeit obsiegt“

Mai 9, 2008

Wenn schon auf dem Spielfeld nix geht, so will sich die aktuelle Nummer 101 der FIFA-Rangliste dennoch mit Anstand aus der Affäre ziehen. Während der EM gilt für die heimischen Kicker ein Verhaltenskodex, der keinen Vergleich mit den Benimmregeln eines alpenländischen Elite-Internats zu scheuen braucht. Schon um 22:30, wenn draussen auf den Straßen die EM-Party der 15 weiteren Teilnehmer losgeht, herrscht Zapfenstreich. Bestenfalls „ein gutes Buch“ ist für die des Lesens Mächtigen danach noch erlaubt, weniger intellektuellen Fußballern sollen anspruchsvolle Bilderbücher die Zeit bis zur nächsten Niederlage vertreiben. Würfeln oder Kartenspielen ist laut EM-Knigge strikt untersagt, man könnte ja gewinnen. Viel Wert wird ganz offensichtlich auf ausreichenden Schlaf gelegt, das erhöht die Chance zumindest des Traumerlebnisses vom Gewinn der EM-Krone ungemein.

Apropos Affäre: diese sind strikt untersagt, Besuche sind nur in den für alle einsichtigen und videoüberwachten Lobbies erlaubt, gänzlich verboten ist das Empfangen sogenannter personae non gratae wie attraktiver Gesellschaftsdamen in blond, rot oder brünett oder windiger Spielerberater mit Rolex, Goldkette und dubiosen Interessen. Derartige Enthaltsamkeit darf in keinster Weise gefährdet werden, so ist das Aufheben der Seife beim gemeinsamen Duschen nur mit umgebundenen Handtuch gestattet.

Auf ein gepflegtes Äußeres wie tanzschulgerechter Haarschnitt, tägliches Waschen und Rasieren für die Älteren oder adrette Kleidung wird ebenso Wert gelegt wie die Beachtung scheinbarer Selbstverständlichkeiten, wie Essen mit Messer und Gabel oder die hör- und riechbare Unterdrückung der Stoffwechselaktivitäten danach. Zur Gewährung von für alle verständliche Interviews konnte niemand Geringerer als Fußballveteran und Medienprofi Toni Poster verpflichtet werden.

Ganz Kavalier will sich der Gastgeber gegenüber Dritten verhalten. Den übermächtigen Gegnern erweist man vor Spielbeginn mit einem Diener seine Ehrfurcht, Schiedsrichter und seine Assistenten werden mit Handkuss empfangen. Diese sind übrigens mit „Herr EM-Rat“ im Pluralis majestatis anzusprechen, um keinesfalls von roten oder gelben Karten geblendet zu werden. Ausländische Journalisten erhalten zur Gleichstellung mit den wenigen heimischen Fans eine Professur h.c.. Nach jedem 3. Treffer für die Gastmannschaft gibt es ein Gratis-, also Eigentor -, am Timing wird freilich noch gearbeitet. Die knallroten Trikots sind für den nachträglichen Leibchentausch tunlichst in unverschwitztem und sauberem Zustand zu übergeben. Das Finale selbst leitet Herr Thomas Schäfer-Elmayer nach einer Balletteinlage des in der Vorrunde furios gescheiterten Gastgeberteams. Auch hier sollten Stürze und allzu große Anstrengungen vermieden werden, Zeit zum Einstudieren bleibt ja dann genug.

Wenn Österreich schon nicht sportlich mithalten kann, will man zumindest getreu dem Motto der derzeit ähnlich erfolglosen stattseigenen Fluglinie als „the friendly host“ in die Geschichte der Europameisterschaften eingehen.
tbc

2 Responses to “Österreich und die EM (6) – „Höflichkeit obsiegt“”

  1. Michael Says:

    Gesangsunterricht bei den Wiener Sängerknaben soll’s auch geben, zum fehlerfreien Mitträllern von „Land der Berge …“.

  2. zin Says:

    – In einer satirischen Fußball-Doku feiert Österreich den EM-Titel – morgen im ORF
    – Der Regisseur und Autor David Schalko über seinen Satire-Film im Corso-Gespräch
    Quelle: Deutschlandfunk

    Das ist wahrhaft hintersinnig: Der Rückblick schon vor dem Anpfiff!


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