Die Zukunft des Silvaners

August 3, 2008

Deutschland ist Weißweinland und Weißwein ist gleich Riesling. Lokale Spezialitäten wie Gutedel in Südbaden, Elbling an der oberen Mosel oder Goldriesling an der Elbe ergeben im Idealfall ehrliche Weine, wie auch die (weißen und grauen) Burgunder am Kaiserstuhl oder der südlichen Pfalz selten internationale Reputation erlangen. Auch der typische Frankenwein war einst ein erdiger Müller-Thurgau oder Silvaner, der noch dazu anders als im restlichen Deutschland fränkisch-trocken ohne das so populäre Zuckerschwänzchen ausgebaut und oft in eigene Flaschenformate abgefüllt wurde. Im Laufe der Zeit mussten auch dort große Flächen dem Riesling weichen, mit dem man scheinbar eher reüssieren konnte. Und auch die vermeintlich besten Silvaner wurden immer cleaner, konzentrierter und fruchtbetonter, um im Konzert der großen Weißweine Deutschlands mitspielen zu können. Eine Fehlentwicklung?

Ich meine ja, kann ein großer Riesling aufgrund seiner ausgeprägten Säurestruktur und Mineralik hohe Alkoholwerte oder einige Gramm Restzucker gut verarbeiten, wirkt ein zum Großen Gewächs getunter ähnlich reifer Silvaner nicht selten plump und breit mit limitierten Reifepotenzial. Silvaner als authentischer, erdig-würziger, frischer Frankenwein ohne allzu großen Anspruch – d’accord, aber große Silvaner, muss das sein?

In einem Gespräch mit den Verantwortlichen der großen Drei aus Würzburg (Bürgerspital, Juliusspital, Hofkeller) bestätigte man mir, dass man neidisch über die Grenzen des südlichen Nachbarn blickt und die ungebremste Popularität der dortigen Leitsorte Grüner Veltliner beobachtet. Dieser behauptet sich zunehmend im Wettkampf mit den größten in- und ausländischen Rieslingen oder Burgundern, ohne seine Identität aufzugeben. Nicht weiter überraschend fristet dort der füher durchaus präsente Silvaner ein Mauerblümchendasein. Hat der Veltliner das Zeug zum „besseren Riesling“, muss man dem Silvaner diese Fähigkeit absprachen.

„Die Zukunft großer Silvaner liegt im Holz“ lautete die zugleich provokante und überraschende These des Veranstalters und Franken-Insiders dieser vorgestern stattgefundenen Silvaner-Verkostung. Am Ende war das dann auch eines meiner Fazits, ein 07er Silvaner „vom Holzfass“ ‚Bürgstadter Centgrafenberg‘ vom Weingut Stich, dessen Stimmigkeit sogar den Winzer selbst überraschte, wirkt wie eine Ohrfeige für alle renommierten und doppelt so teuren Großen Gewächse. Auch eine Wiederbelebung des früher in Franken verbreiteten Mischsatzes, der bei niemand Geringerem als Rudolf Fürst als ‚Alter Satz‘ kultiviert wird, könnte einen Ausweg aus der Riesling-Sackgasse darstellen. Der an diesem Abend ebenso verkostete sicher noch holzbetonte Silvaner ‚Erdrauch‘ des ambitionierten Weinguts LandArt zeigte spannende Nuancen, die über die bekannten Eigenschaften eines Silvaners hinausgehen und weitere Rebsorten vermuten lassen. Und nicht zuletzt ist es der Visionär Jean-Michel Deiss, der bewusst den Grand-Cru Status zugunsten eines gemischten An- und Ausbaus von zumindest Riesling und Silvaner aufgibt.

7 Responses to “Die Zukunft des Silvaners”

  1. Matthias Says:

    Gemischter Satz: das finde ich eine schöne Sache, Silvaner trinke ich sehr gerne – aber Silvaner im Holz ausgebaut? Ich bin skeptisch…

  2. Armin Says:

    @Matthias
    Beim Silvaner aus dem Holzfass muss man vielleicht ein klein wenig gewohnte Geschmackserwartungen überwinden, für mich waren aber einige Versuche in den letzten Jahren mehr als interessant.

    @pivu
    Auch das Thema gemischter Satz, bzw. Cuvée könnte eine interessante Geschichte für Franken sein, das sehe ich ganz ähnlich wie Du. Den „gemischten Satz“ von Fürst habe ich mit dem 2001er kennen gelernt und damals gleich ein paar Flaschen gekauft.

    Schön dass Dir die Probe auch gefallen hat.

  3. Dirk Würtz Says:

    Silvaner und Holz…Für mich eher schwierig. Silvaner soll animieren, Durst auf das nächste Glas machen. Für mich jedenfalls. Holz, womöglich neues möchte ich da wirklich nicht. Stückfass, oder Doppelstück, ok. Barrique, lieber nicht.

  4. Gotorio Says:

    Ein reinrassiger, holziger Silvaner? Find ich auch schwierig. Für das dauerhafte Überleben ist wohl eher die Gewinnung jüngeren Publikums nötig – und das mag doch eher fruchtiges.

    Ich denke, der Silvaner hat eigentlich kein Geschmacks- sondern ein Image-Problem. Und dem lässt sich vor allem mit Marketing begegnen…

  5. Matthias Says:

    @Gotorio: ganz genau! Geschmacklich ist ein guter Silvaner ein überaus trinkenswerter Wein, nicht nur zum Spargel. Und am liebsten trinke ich ihn frisch und jung – Holz stört mich da.

  6. pivu Says:

    @Gotorio & Matthias: die eine oder andere Marketing-Initiative hatten wir ja schon, und das ging ziemlich in die Hose, Stichwort RS Silvaner, sorry Dirk. Warum muss man einen eigenständigen Wein verbiegen, damit er endlich wie 47 andere Weine auch in das weltweit kompatible Geschmacksbild passt?

    @Dirk: es geht ja nicht um die „normalen“ Silvaner, die mag ich ja klassisch, erdig-würzig und ungeschönt, wie geschrieben, sondern um das Leitbild möglicher Spitzen-Silvaner. Und da finde ich einen dezenten Holzeinsatz zielführender als ein à la longue vergebliches Hintrimmen zum „anderen Riesling“. Oder man besinnt sich auf dessen ursprüngliche Stärken und schafft folgendes Idealbild eines Silvaners, nämlich „völlig durchgegoren und puristisch, mineralisch, extraktreich und würzig dank alter Reben, animierende Säure, dicht und tiefgründig bei gemässigtem Alkoholgehalt“, wie (talk-about-)Weinfreund Bodo es hier anführt. Also z.B. einen ‚Asphodill‘ (vom Homburger Kallmuth, „von nix kommt nix“), nur eben noch kompromissloser im An- und Ausbau. Besser ein Wein, der polarisiert statt everybody’s darling.

  7. Armin Says:

    „Dirk Würtz Says:

    Silvaner und Holz…Für mich eher schwierig. Silvaner soll animieren, Durst auf das nächste Glas machen. Für mich jedenfalls. Holz, womöglich neues möchte ich da wirklich nicht. Stückfass, oder Doppelstück, ok. Barrique, lieber nicht.“

    Animieren und Durst auf das nächste Glas machen, soll das nicht jeder gute Wein? Ich kann den Gegensatz Holz und Trinkigkeit nicht sehen. Natürlich, es gibt Weine die nur breit und sättigend durch den Holzeinsatz geworden sind, aber dann ist der Ausbau im Holz eben nicht gelungen. Große Sancerre sind durchaus animierend und trotzdem im Holz, auch kleinen Holz ausgebaut. Die großen Burgunder zeigen neben ihrer Komplexität immer auch Eleganz und Frische, trotz Ausbau im Holz.

    Leider wird Ausbau im Holz in Deutschland immer noch allein mit Wucht, Kraft, Mächtigkeit verbunden, guter Ausbau im Holz verlangt dies aber keineswegs.

    Außerdem geht es hier ja um ein mögliches Leitbild für einen „großen Silvaner“, hier allein mit Süffigkeit zu argumentieren, verfehlt ein wenig das Thema, finde ich. Und ich bin eben der Überzeugung, Silvaner kann mehr als „nur“ guter Essensbegleiter und netter Alltagswein sein. Was nicht heißt, dass es diesen Typus nicht auch geben darf oder soll.


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