Weinklassifikation verkehrt

Dezember 29, 2008

Angeregt durch diesen Beitrag über „Teure Tafelweine“ fällt mir ein, dass a) gar nicht wenige meiner deutschsprachigen Lieblinge Tafel- oder Landweine sind, und b) diese Weine meist auch teurer als viele klassifizierte Gewächse sind, und das zurecht. Über die von Thomas Günther genannten Ausnahmeweine des Pfälzers Bernd Philippi wurde auch auf diesem Blog schon ausführlich berichtet. Die ebenfalls als vini di tavola klassifizierten Super-Tuscans, die den Einzug nicht klassifizierter Gewächse in höherpreisige Segmente erst ebneten, will ich in dieser Betrachtung ausdrücklich ausschließen.

Alles begann für mich mit dem württembergischen Revoluzzer Robert Bauer, den ich zu Beginn meiner Deutschland-Zeit Ende der 80er persönlich kennenlernen durfte. Seine Tafelweine Chehatten so gar nichts mit dem damaligen Idealbild des deutschen Weins gemein, vor allem waren sie kompromisslos trocken ohne jegliches Süßeschwänzchen und ohne Zugeständnisse an Markt, Presse und Weinbehörden. Endgültig disqualifiziert hat sich die regionale Prüferkommission, als ein von Robert Bauer eigens als Pirat angestellter weißer Burgunder aus Montrachet abgelehnt wurde. Auch heute gilt der dortige Leitspruch, „Weine nach internationalem önologischen Standard und nicht nach deutschen Ausnahmeregeln produzieren zu wollen“. Und gerade im Ländle steht „internationaler Standard“ nicht selten für individuelle Klasse statt Mainstream.

Auch der Pfälzer Rainer Lingenfelder befand sich langezeit auf Kollissionskurs mit den deutschen Weinbehörden, als Mitte der 90er das „Y“ seines enorm haltbaren Silvaners auf einer klassifizierten Flasche als undeutsch verboten wurde. Ganz konsequent ist auch seine Homepage ausschließlich in Englisch gehalten. Unbedingt erwähnen möchte ich auch die grandiosen Burgunder von Henrik Möbitz, einem Boutique-Weingut in Freiburg mit einer Prise west coast Know-how. Vor allem die Pinots von der ‚Kanzel‘ bieten Jahr für Jahr unheimlich viel Information bei vergleichsweise geringem Alkoholgehalt, der noch am ehesten der Auzeichnung als Tafelwein entspricht.

Ähnlich negative Erfahrungen mit der Weinbürokratie machte in Österreich mein Lieblingswinzer Sepp Muster, dessen handwerkliche Weinunikate ohne jegliches Weingütesiegel auskommen. Sie passen nicht in das frischfruchtige steirische Geschmacksprofil, sind als authentische Terroirweine also untypisch (!), und werden als Landweine aus dem Steirerland ausgewiesen. Selbst die Angabe der Steiermark als Herkunft ist verboten, was bereits zu Kuriositäten auf mancher Weinkarte führte. Mittlerweile ist Sepp mehr als froh, die Weinwerdung ausschließlich an der Natur und nicht an vorgegebene Prüftermine ausrichten zu können. Die gleiche Philosophie verfolgt u.a. Sepps Schwager Ewald Tscheppe, der für seine archaischen Cuvées aus dem Weingut Werlitsch von vornherein auf das Prüfsiegel verzichtete.

Eine durchgängige Klassifikation für trockene Spitzenweine in Österreich findet sich ohnehin nur noch in der Wachau. Dort hat die Vinea Wachau mittels eines genialen Schachzugs die nach dem Weinskandal imagemäßig angekratzten Weinbezeichnungen wie Spätlese oder Kabinett durch eigene Kategorien ersetzt. Doch auch in dieser berühmtesten Weißweinregion Österreichs gibt es immer mehr Spitzenweine ohne den Zusatz „Smaragd“, wie z.B. Riesling und Veltliner aus der ‚Wunderburg‘ von (Elisabeth) Pichler-( und Erich )Krutzler. Gespannt bin ich schon jetzt, unter welcher Bezeichnung der Neo-Wachauer Peter Malberg seine Premierenweine aus dem Spitzer Graben anbieten wird. Er verließ ja das Schlossweingut Graf Hardegg vor allem deshalb, weil man im Weinviertel laut eigener Aussage „keine Spitzenweine“ erzeugen könnte. Außer vielleicht seinen Viognier, der ursprünglich selbstverständlich als Tafelwein auf den Markt gebracht wurde. Und der teuerste trockene Weißwein aus dem Weinviertel war und noch immer ist.

3 Responses to “Weinklassifikation verkehrt”

  1. Arnd Schulz Says:

    Nicht zu vergessen die Tafelweine von Hans-Peter Ziereisen


  2. Auch der P J Kühn Riesling „R“ 2007 ist ein Tafelwein Rhein.

  3. pivu Says:

    Da gäb’s sicher noch viele mehr, die allesamt spannender als viele prüferkompatible Gewächse sind.


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