Zeitlose Wollust

Juni 27, 2009

Man kann natürlich Weine beurteilen, ohne sie zu kennen. Und sie technisch-analytisch mit beliebigen anderen Weinen vergleichen oder an einem wie auch immer definierten Idealwein messen. Man kann das Ganze auch anders angehen, wie ich es bei einer Art Leistungsschau einiger Spitzenrieslinge aus Deutschland und Österreich aus dem umstrittenen Jahrgang 2003 versucht habe. Bei unserem Event „2003er Rieslinge auf dem Prüfstand“ ging es mir gar nicht um den Vergleich, wer letztendlich der beste ist, sondern wer es unter extrem schwierigen Voraussetzungen schafft, dennoch authentische, jahrgangs- und herkunftstypische Weine mit Trinkspaß zu erzeugen. Ohne die in allen Fällen unzweifelhaft große Herkunft und den heißen Jahrgang 2003 zu verleugnen.

Eins vorab: die besten Vertreter des „Jahrhundertjahrgangs“, der wie so oft dann doch keiner war, reifen langsam und hervorragend, sind erstaunlich klar ohne jegliche Altersnoten wie Firne oder Anklänge von Petrol. Dieses Stadium „Zeitloser Wollust“ werden sie vermutlich noch lange Zeit halten, wenn man gut gereifte Weine aus einem ähnlich heißen Jahr wie 1992 oder 1994 als Vergleich heranzieht. Freilich können unterschiedliche Erfolgsrezepte zum Ziel führen.

Da gibt es die mit viel Risiko und ohne Erfolgsgarantie zu Werke gegangene „Augen-zu-und-durch“-Gemeinde, der es dank penibelster Arbeit im Weingarten dennoch gelungen ist, klassisch trockene Weine ohne Rieslinge 2003 alkoholische Noten auf die Flasche zu bringen.  Rudi Pichlers ‚Achleithen‘ überzeugt mit einer wunderbar definierten phantastischen Nase, zeigt auch Mineralität, allerdings kaum Länge. Der andere Wachauer, der genau genommen gar keiner ist, der ‚Steiner Hund‘ von Nikolaihof gefiel mit seiner Harmonie. Zwar nicht wirklich groß aber den Andreas März‘ JLF-Test hätte er bei mir gewonnen.  Kraftvoll zupackend mit einem Korb voll gelber Früchte und schmelziger Mineralität präsentierte sich ein weiterer Österreicher, der ‚Ehrenfels‘ von Franz Proidl, der die 14% Alkohol wunderbar wegpackt. Alle drei kamen mit dem Alkohol deutlich besser zurecht als die trockenen Vertreter aus Deutschland.

Auf der anderen Seite ist da die Fraktion der Halbtrockenen, oder Feinherben, wie’s auf Neudeutsch heißt, egal ob gewollt oder ungewollt, die dem Alkohol mit entsprechender Süße kontern, ohne all zu viel an Länge und Identität einzubüßen. Helmut Dönnhoff zeigt mit seinem ‚Norheimer Dellchen‘ auch 2003 seine unverkennbare Handschrift, lässt die für ihn so typische tänzerische Verspieltheit erahnen, die pfirsich-marilligen Aromen wirken niemals breit. Freilich kein junger Nurejew, sondern ein kraftvoller Baryshnikov nach einer genußreichen Auszeit. Wer wie ich ein großer Fan von Reinhard Löwensteins ‚Laubach‘ ist, der mag auch die extrem jugendlich und unfertig wirkende 03er Ausgabe, (noch) ohne ausgeprägte Mineralität, so als ob Reinhard eine Partie seines ‚Röttgen‘ untergemischt hätte. Mein persönlicher Favorit an diesem Abend war ganz überraschend ein Wein aus der 2003 so mitgenommenen Pfalz, das ‚Fass 63 Forster Jesuitengarten‘ von Bürklin-Wolf. Anita Ekberg in "La Dolce Vita"Was eigentlich ein Unfall war, nämlich ein steckengebliebenes Fass, entpuppte sich als ein einerseits sehr verschwenderischer, andererseits ungemein komplexer Wein mit Tiefgang. Traubige und gelbwürzige Aromen paaren sich mit feinsten erdig-mineralischen Noten. Unverkennbar Mittelhaardt, unverkennbar 2003, zeitlos schön, ein ähnliches Meisterwerk wie Anita Ekberg in ihrer besten Zeit, das allerdings länger in Form bleiben wird als die blonde Schwedin.

Ein Kapitel für sich ist auch 2003 Deutschlands Icon-Riesling aus Rheinhessen, der ‚G-Max‘ von Klaus-Peter Keller. Mir präsentiert sich dieser Wein immer irgendwie unnahbar, im negativen Fall charakterlos, zwar saugut, flüssige Seide kommt mir in den Sinn, aber ohne jahrgangs- oder herkunftstypische Identität. Alles wirkt perfekt wie gemalt, ohne Ecken und Kanten. Ist das Rheinhessen, ist das 2003? Ich verstehe unter einem guten Wein halt nicht die letzte Perfektion, die Jahr für Jahr immer gleich bleibt, sondern die bestmögliche Interpretation vorhandener Lagen und Jahrgangs-Spezifika. Wie eingangs geschrieben, geht’s mir nicht ums Verleugnen, sondern ums Erzählen (von 2003).

Bildquelle: Anita Ekberg in „La Dolce Vita“ (Fellini, 1960)

2 Responses to “Zeitlose Wollust”

  1. Carolin Says:

    gibt es auch wines aus 03 für frauen, ich steh nicht so auf anita ekberg. what about marlon brando?! (marcello mastroiani ist nicht 03.)

  2. duni Says:

    Das Dellchen hat mir 03 auch gut gefallen, besser als andere Dönhoffrieslinge. Bei HL hab ich mich nach ein paar zaghaften, grandios gescheiterten Versuchen nicht mehr rangetraut…


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