St. Laurent – Alt und Neu (3)

August 27, 2010

Wie gut oder wie schlecht reift St. Laurent, und was sind dessen Zukunftsperspektiven, darüber sollten die letzten beiden Flights des St. Laurent Dinners im Schwarzen Kameel Klarheit schaffen.

Ganz ausgezeichnet präsentierte sich der erste Vertreter, mit wunderbar definierter kräuterwürziger Nase, verbunden mit einer lebhaften Mineralität im Mund, vielleicht eine Spur zu rustikal. Keine allzu große Überraschung nach der Aufdeckung, war es doch der schon mehrfach prämierte ‚Holzspur‘ vom Johanneshof Reinisch aus 2004, so etwas wie ET’s 86er ‚Mariental‘ Blaufränkisch für den St. Laurent. Ebenfalls aus 2004 war der ‚Zagersdorf‘ von Rosi Schuster,der damals noch nicht in der gleichen Liga wie die letzten Jahrgänge spielte:  einerseits sehr delikat und typisch in der Nase, andererseits zu holzbetont und beliebig im Mund. Richtig spannend und auch lehrreich wurde es beim nächsten Wein: Philipp Grassl hat ganz bewusst seine ‚Reserve‘ aus dem Hitzejahr 2003 mitgebracht, kraftvoll und viel Schokolade mit einem Schuss Würze in der Nase und am Gaumen, aber immer rund und harmonisch und saulecker, eine perfekte Interpretation eines St. Laurent aus einem warmen Jahr. Eine ganz besondere Eigenschaft der St. Laurent-Traube ist deren Resistenz gegen Überreife, die somit  trotz früher Reife längere Hangzeiten mit zusätzlicher Aromenbildung als beispielsweise der verwandte Pinot noir ermöglicht! Ausgereift und im perfekten Trinkstadium, ohne besonders spannend oder gar groß zu sein, präsentierte sich die 02er ‚Reserve‘ von Georg Schneider.

Mehr Größe zeigte hingegen der erste Wein des letzten Flights: spannende, pikante aber niemals aufdringliche Nase, keinerlei Altersnoten, wunderbar integriertes (neues) Holz, nicht ganz mineralisch, beinahe zeitlos. Mein Sitznachbar hoffte inständig, es sei sein Wein, und er bekam recht: der ‚Alte Reben‘ aus dem eher durchschnittlichen Jahr 2001 von Gerhard Pittnauer zeigt einmal mehr die Überlegenheit eines alten Weingartens zu neuen Einzellagenweinen aus Junganlagen. Der älteste Wein im Saal war die 98er ‚Reserve‘ vom Juris, die aber dem Jahrgang geschuldet etwas dünn und letztendlich auch zu holzbetont ausfiel. Wahrscheinlich wollten Vater und Sohn Stiegelmar damals zuviel. Gelungen und ausbalanciert mit schokoladigen Anklängen fand ich den 99er ‚Barrique‘, wenngleich ohne große Sorten- und Herkunftstypizität, und seine beste Zeit hat er auch schon hinter sich. Ebenfalls über den Höhepunkt zeigte sich die ‚Reserve‘ von Pepi Umathum, zwar typisch, aber etwas heiß im Ansatz, im Mund eher die Dekadenz gereifter Burgunder ausstrahlend.

Mein Fazit war dann auch, dass St. Laurent ausgesprochen delikate und animierende Weine sein können, die unter entsprechenden Voraussetzungen auch Reifepotenzial besitzen. Heute würde ich sie im Alter von 4 bis 8 Jahren trinken wollen. Sie sind im Idealfall hochgradig elegant mit prononcierter Säure, die dem niemals üppigen St. Laurent das nötige Rüstzeug verleiht. Im Geschmacksbild, das auf keinen Fall durch zuviel Holz beeinflusst werden soll, dominieren rote und schwarze kleine Beeren, florale Noten und grüne Würzaromen. In gewisser Weise ein „intellektueller“ Wein, der nicht unbedingt „easy-drinking“ ist eine bestimmte Art Konsument benötigt. Neben den genannten Betrieben und Gründern des „St. Laurent Think Tank“ überzeugten mich Exemplare der Damen Judith Beck (‚Schafleiten‘) und Birgit Braunstein (‚Goldberg‘) am Neusiedler See, ebenfalls aus dem Burgenland Weine aus sehr alten Anlagen von den Brüdern Bernthaler oder dem biodynamischen Gesamt-„Kunstwerk“ Meinklang, und die St. Laurents von Lepold Auer von der Südbahn aus der Thermenregion. Es gibt sie jedenfalls, eine authentische und hochwertige Rotweinwelt abseits des boomenden Blaufränkisch und mancher Bordeaux-Kopien und Austro-Cuvées. Und auch der Zweigelt hat seine Berechtigung und bietet manches Highlight, aber dazu später mehr.

2 Responses to “St. Laurent – Alt und Neu (3)”

  1. pivu Says:

    Man wird abwarten müssen, wie sich die großen, aktuellen St. Laurents entwickeln werden. An diesem Abend waren die Weine von Anfang 2000 auf dem Punkt, die aus dem letzten Jahrtausend darüber.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

  • @pivu on twitter

  • %d Bloggern gefällt das: