Quo vadis Großes Gewächs?

September 1, 2010

Der Traubenadler feiert Geburtstag, immerhin 100 Jahre wird er alt. Zeit also, Bilanz zu ziehen, und was bietet sich dafür mehr an als eine Leistungsschau des Aushängeschilds des VDP, der „Großen Gewächse“ aus dem mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Jahrgang 2009. Diese wurden im Rahmen der Vorpremiere letzte Woche in bekannt professioneller Manier präsentiert. Der VDP selbst spricht von einem überragenden Jahrgang mit optimalen Reifeverlauf, solange, bis er es am Ende selbst noch glaubt, zum Jubiläum darf man sich schließlich etwas wünschen. Eine gewisse Skepsis war bei mir immer angebracht, kein Wunder bei historisch niedrigen Extrakt- und hohen ph-Werten und nach manchem Verkostungserlebnis zuvor.

Keine Frage, 2009 kann ein potentiell spannender und auch sehr guter Jahrgang sein, wie anderswo auch, per se ist er es nicht. Ich persönlich halte den vielgeschmähten Jahrgang 2008 für mindestens ebenso spannend. Gerade Präzision und animierendes Trinkvergnügen, das viele 08er noch ausgezeichnet hat, vermisse ich beim aktuellen Jahrgang.  „Beste Weine aus besten Lagen von kreativen Winzern“ lautet der Slogan zum runden Jubiläum, doch „kreativ“ im Sinne von „auf der Suche nach Verbesserung“ ist nur ein Bruchteil der VDP-Mitglieder, die Mehrzahl setzt auf Bewährtes, Ergebnis ist nicht selten vorhersehbare Langeweile. Wohin also marschiert der deutsche Wein, wohin entwickelt sich das Große Gewächs im besonderen? Wie ist die Spitze definiert, und was sind die Mindestanforderungen? Diese Fragen bleiben weiter unbeantwortet, zu inhomogen zeigt sich die Spitze des deutschen Weins, nicht nur in Sachen Qualität, auch hinsichtlich Philosophie und Stilistik. Spannung und Fadesse wechseln einander ab, Masse dominiert Klasse. Beste Lagen und bekannte Namen allein reichen nicht aus, das Konzept der Großen Gewächse muss dringend reformiert werden.

Bei aller Kritik beschert uns auch 2009 einige wahrlich Großen Gewächse, auch wenn es für ein endgültiges Urteil zu früh erscheint, sind die Weine doch allesamt noch blutjung und teilweise erst seit kurzem gefüllt. Die eine oder andere Tendenz lässt sich dennoch feststellen, hier beschränkt sie sich auf Riesling. Am besten scheinen die Winzer an der Nahe und Mosel den Jahrgang gemeistert haben. Vor allem Schäfer-Fröhlich besticht heuer mit einer erstmals auch mich überzeugenden fulminanten Kollektion, das hat sich schon auf der ProWein angedeutet, vorneweg das ‚Felseneck‘ (95/96), für mich der mit Abstand beste Wein im Saal. Spannend auch das ‚Halenberg‘-Doppel, wobei sich die Lebendigkeit und Spannung im Mund von Schäfer-Fröhlich (93)  und eine süchtigmachende Nase nach Gletschereis und Bergkräutern bei Emrich-Schönleber (93+) die Waage halten. Diel gefällt mir mit immer präziseren, wenn auch nicht ganz großen Lagenweinen (90-92) sehr, gerade einige Pfälzer mit doch sehr beliebigen Weinen sollten sich daran orientieren. Dönnhoff zeigte sich noch unharmonisch mit Potenzial, die Fangemeinde wird an diesen Weinen sicher wieder ihre Freude finden. Überhaupt keine Freude bereitet mir das mit ungeheurem Kapitaleinsatz gestartete Gut Hermannsberg, im Vergleich zu den Vorgenannten unpräzise ohne Konturen und Balance, i.bes. die ‚Kupfergrube‘ ist heute im wahrsten Sinne des Wortes fertig ohne jegliche Spannung. Van Volxem und Heymann-Löwenstein an der Saar bzw. Mosel hier besonders zu erwähnen hieße „Eulen nach Athen tragen“, auch passen sie nicht in das Korsett der Großen Gewächse, aber beide lieferten ihre wahrscheinlich bisher beste Kollektionen ab. Derzeit bereiten Romans ‚Volz‘ (93) und Reinhards ‚Uhlen „Laubach“ ‚ (94) den meisten Spaß, wobei bei van Volxem der derzeit etwas wirre und unharmonische ‚Altenberg‘ oder der noch sehr diskrete, aber messerscharf definierte ‚Scharzhofberger „Pergensknopp“ ‚ vorbeiziehen könnten.

Der Gewinner in der Pfalz ist für mich eindeutig Steffen Christmann mit seinem ‚Mandelgarten‘ (93/94) und ‚Idig‘ (93-95). Vielleicht sollte gerade der VDP-Präsident künftig als Leitbild für das Große Gewächs dienen, zu wünschen wär’s allemal. Verlässlich wie fast immer, aber auch nicht mehr, sind Rebholz (‚Kastanienbusch‘ 92), Bürklin-Wolf (‚Kirchenstück‘ 92-94, ‚Pechstein 91-93) und Müller-Catoir (‚Bürgergarten „Breumel in den Mauern“ ‚ 91), positiv überrascht hat mich Fritz Becker erstmals mit einem Riesling (‚Sonnenberg‘ 92). Abwarten möchte ich bei den Weinen des letztjährigen Shooting-Stars von Winning, die zwar gut und vorbildhaft gemacht sind, auch spannend und lebendig sind, aber jahrgangsbedingt und dem holzbetonten Stil des Hauses geschuldet (derzeit) wenig Herkunft zeigen. Am meisten erwarte ich mir vom pikanten und sehr extrovertierten ‚Kalkofen‘ (91-93) – der Wein, der mir neben dem ‚Felsenenck‘ das schönste Mundgefühl bereitet – und dem ausgewogenen ‚Kieselberg‘ (91/92). Bei Bassermann-Jordan dominiert der Betriebston fast jegliche Lagentypizität, gar nicht zurecht kam ich diesmal mit von Buhl oder J. Biffar. Karl Schäfer und Dr. Wehrheim enttäuschten nach ansprechenden Vorjahreskollektionen, Mosbacher wiederum zeigte sich inhomogen, das ‚Freundstück‘ (91) gefiel mir deutlich besser als der süßliche, wenig animierende ‚Pechstein‘.

În Rheinhessen ist Philipp Wittmann weiterhin eine Bank, der ‚Morstein‘ (94) gehört wie fast immer zu den Stars des Jahrgangs, auch das ‚Kirchspiel‘ (92) wusste zu überzeugen. Das ‚Brunnenhäuschen‘ ist vielleicht „the most sexiest wine of the year“, zur Größe fehlt ihm die Komplexität (91). K.-P. Keller findet nach einigen Experimenten im Vorjahr wieder zur gewohnten Stilistik zurück, gezeigt wurde nur das ‚Kirchspiel‘ (91), eine Art everybody’s darling ohne Ecken und Kanten, Mainstream auf hohem Niveau. Einen weiteren Qualitätssprung erkenne ich beim umtriebigen HO Spanier, sowohl seine Weine aus dem Wonnegau wie der kühle, wildkräutrige und sehr monolithische ‚Frauenberg‘ (92-94) und das pikante ‚Kirchenstück‘ (92/93), als auch das ‚Pettenthal‘ (93/94) von Kühling-Gillot vom Roten Hang versprechen weiteres Potenzial. St. Antony, ebenfalls vom Roten Hang, enttäuschte hingegen auf ganzer Linie, alle drei Großen Gewächse sind zwar nicht schlecht, wirken aber „gestylt“ und kommerziell und sind vor allem langweilig. Besser als zuletzt gefielen mir die saftigen, sehr präsenten Weine von Gunderloch, freilich ohne an die Klasse von Kühling-Gillot auch nur ansatzweise heranzureichen.

Meine „Sorgenkinder“ sind weiterhin Rheingau und Franken, auch das ist nicht neu, aber umso bedenklicher, stellten doch diese Regionen vor nicht allzu langer Zeit die Spitze für trockene Weine aus Deutschland dar. Viele Betriebe ruhen sich auf ihrem Renommée aus, schauen nicht nach links oder rechts, versinken im Dornröschenschlaf , um möglicherweise ein böses Erwachen zu erleben. Dem ohnehin sehr großzügig an der Grenze zu halbtrocken belassenen Restzucker fehlen diesmal nicht selten Säure und Mineralität als Gegenpole. Der ‚Gräfenberg‘ (92) von Wilhelm Weil ist fraglos ein sehr guter Wein, aber auch irgendwie vorhersagbar. Vielleicht kenn‘ ihn auch nur zu gut? Künstler sehe ich ähnlich wie Dönnhoff oder manch großen Betrieb in der Mittelhaardt oder an der Rheinfront, er hat seinen Stil und seine Anhängerschaft gefunden, ich zähle mich nicht dazu. Seine 4 Ersten Gewächse zeigen dennoch genügend Klasse, um im Reigen der vielen Großen Gewächse eine gute Rolle zu spielen. Anderen wird das auf Dauer nicht mehr gelingen. In Franken überwiegen weiterhin technisch, teilweise auch gut gemachte Weine, die mich aber nicht berühren. Leider waren weder die Weine von Hansi Ruck noch vom Zehnthof-Luckert, dem für mich besten Weißwein-Betrieb in Franken, vertreten.

Es wird in nächster Zeit weitere Gelegenheiten zum Probieren und Fachsimpeln geben, die vielleicht den einen oder anderen Eindruck korrigieren, ich jedenfalls freue mich schon auf Reaktionen und hoffe, dass sich manche Weine noch von ihrer besseren Seite zeigen werden.

Bildquelle: VDP

11 Responses to “Quo vadis Großes Gewächs?”


  1. […] Der Traubenadler feiert Geburtstag, immerhin 100 Jahre wird er alt. Zeit also, Bilanz zu ziehen, … Read More […]

  2. Gerald Schuster (via Facebook) Says:

    Eigenartig, bei „Großes Gewächs“ muss ich immer an Cyrano de Bergerac denken🙂 .

  3. Carsten Leo Demming Says:

    Habe den Beitrag mit Spannung via Drunkenmonday.de gelesen. Vielen Dank dafür…

  4. Klaus Says:

    Toller Artikel. Danke!

  5. drunkenmonday Says:

    Die Gunderloch Riesling GGs wurden bei Drunkenmonday auch schon verkostet: „Frisch auf den Tisch: 2009 Gunderloch Riesling GGs

  6. pivu Says:

    Gestern in Berlin sagte HO Spanier zu mir, als ich wiederum ziemlich begeistert von seinem ‚Pettenthal‘ war, „2009 wäre ein Super-Jahr für den Roten Hang gewesen“. Umso trauriger, was einzelne daraus gemacht bzw. nicht gemacht haben …


  7. […] Weine wie der Frauenberg GG 2009 von Battenfeld-Spanier oder auch der Kühling-Gillot Pettenthal GG 2009 mit ihrer kompromisslos trockenen, kaum fruchtigen, enorm dicht gewobenen Art und beinahe schmerzhaft intensiv-salzigen Mineralität von Kalkstein bzw. rotem Schiefer waren für mich die Highlights des Tages. Diese Weine have already been put into perspective nicely at Weinblog six-to-nine, von daher werde ich mich an dieser Stelle zurückhalten und nur vorsichtig konstatieren, dass ich so unverfälscht „flüssigen Boden“ („liquid earth“, Zitat Battenfeld-Spanier) noch nie zuvor im Glas hatte und nur jedem raten kann, diese Weine zu probieren. […]


  8. Habe gestern Abend die Großen Gewächse aus der Aulerde und dem Morstein von Wittmann im Glas gehabt und war von beiden begeistert.
    Die Aulerde überzeugt mit wunderbarer Struktur, Mineralität und Frucht. Hier ist alles stimmig und rund aber nicht langweilig!
    Der Morstein setzt dem noch die Krone auf. Dieses Zusammenspiel von Frische und Extraktsüße ist unerreicht.
    Morgen sind die Großen Gewächse von Battenfeld Spanier dran. Freue mich schon!

    • pivu Says:

      Wittmanns ‚Aulerde‘ find‘ ich tatsächlich fast langweilig im Vergleich zum wieder einmal großartigen ‚Morstein‘, der diesmal mit eher hellen Nuancen brilliert. 09 war auch sicher kein Jahr für die Aulerde. Am Sonntag bietet sich aber in Eberbach die Gelegenheit zur Nachverkostung. Mit HO’s Gewächsen wirst Du viel Freude haben, sie sind für deutsche Verhältnisse erfrischend anders, weil im positiven Sinne kompromisslos und fordernd. Der ‚Frauenberg‘ gehört wie auch der ‚Morstein‘ zu den Jahrgangs-Tops, auch wenn manche Profis das anders sehen …

  9. Udo Thiem Says:

    Sicher gibt es für jede stilrichtung beim Wein Kunden, aber die großen Weine kann sich nicht jeder leisten. Gut ist das heute auch schon die Basisqualitäten der besten Winzer erschwinglich sind.


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